Das Fest des Glaubens

Jedes Fest ist eine Zustimmung zur Welt, jeder Gottesdienst ein Dank für die Schöpfung und ein Bild für das ewige Fest der Erlösten. Doch zugleich sind Feste und Gottesdienste Akte des Widerstands gegen die Realität des Leidens.

Mehr als das Volk Israel im Laufe seiner Geschichte den Sabbat gehalten hat, hat der Sabbat Israel am Leben erhalten. Wenn wir diese jüdische Weisheit auf den christlichen Sonntag übertragen, hieße das: Mehr als Christen im Stande sind, in der heutigen Gesellschaft den aufgrund von zahlreichen ökonomischen und politischen Entwicklungen arg bedrohten Sonntag zu retten, könnte es sein, dass der Sonntag uns Christen und die heutige Gesellschaft retten wird. Denn der Sonntag ist nicht nur der Tag Gottes, sondern auch der Tag des Menschen. Ohne Sonntag kann der Mensch wohl eine Weile existieren, aber zu seinem ganzen Menschsein kann er ohne diesen Tag nicht kommen, wie der reformierte Theologe Jürgen Moltmann mit Recht urteilt: „Wir würden uns selbst preisgeben, wenn wir den Sabbat und den Sonntag aufgeben würden. Wir sind zum Ebenbild Gottes geschaffen und nicht zu Knechten von Arbeit und Konsum.“ Am Sonntag wird deutlich: Der Mensch ist in erster Linie nicht „homo faber“, ein Macher-Mensch, sondern „homo festivus“, ein sich verdankendes und deshalb dankbares Lebewesen. Der Sonntag gilt deshalb mit Recht als „Ur-Feiertag“ der Christen (Sacrosanctum Concilium, Nr. 106); an ihm wird das tiefste Wesen jedes Festes sichtbar: Sein Lebenselixier ist die Dankbarkeit für das Leben.

Unfähig zu danken und zu feiern

In seinem Tagebuch notiert der verstorbene Schweizer Schriftsteller Max Frisch einen recht originellen Einfall. Er meint, es gebe leider keine Instanz und keine Behörde, die - wie etwa die Steuerbehörde - von uns jährlich oder zweijährlich eine Liste der Dankbarkeiten verlangt. Trotzdem spielt Max Frisch mit diesem Gedanken, und er stellt für sich und sein persönliches Leben eine lange Liste von Dankbarkeiten zusammen. Er würde danken für seine Mutter, für die Begegnungen mit anderen Menschen, für seine Kinder, für seine Freude an guten Speisen, für den Nachbarn im Dorf, für seine Träume, für den Partner, der mit ihm sein Leben teilt, und für viele andere Momente in seinem Leben.

Eine originelle Idee, die vielen zunächst vielleicht merkwürdig erscheint. Denn immer mehr Menschen fällt es schwer zu danken - nicht nur für dies oder jenes zu danken, sondern grundsätzlich dankbar für das Leben zu sein. Der Grund für diese Unfähigkeit dürfte in unserer modernen Lebenseinstellung liegen. Wir stehen gerade heute immer wieder in der Versuchung, alles Gute, das uns entgegenkommt und entgegengebracht wird, für selbstverständlich zu nehmen. Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt gilt als selbstverständlich genauso wie das gemeinsam geteilte Leben in einer Ehe. Wer jedoch alles im Leben alles für selbstverständlich hält, betrachtet es schnell als Skandal, wenn an der absoluten Vollkommenheit hier und da noch etwas fehlt. Damit allerdings überfordern wir nicht nur unsere Umwelt, sondern auch uns selbst. Was dabei fehlt, ist schlicht die Dankbarkeit. Denn wo es an Dankbarkeit mangelt, kommt gerade nicht jene Freude auf, die verbindet, sondern machen sich Missmut und Verdrossenheit breit. Nicht zuletzt dürfte die Unfähigkeit zur Dankbarkeit auch die Wurzel vieler seelischer Krankheiten der Menschen heute sein.

In der Unfähigkeit zur Dankbarkeit wurzelt auch die Unfähigkeit zum Feiern. Es ist kein Zufall, dass Analytiker unserer Zeit und Gesellschaft davon reden, der heutige Mensch habe die Fähigkeit zum Feiern weitgehend verloren. Vielleicht wird diese Diagnose zunächst irritieren. Denn gerade heute blühen doch die Festangebote und wird kaum eine Gelegenheit zum Festen ausgelassen! Tatsächlich bestätigt jedoch ausgerechnet dieser imposante Festbetrieb der Konsum- und Warengesellschaft, dass der Mensch seine urmenschliche Fähigkeit zum Feiern weithin verloren hat. Denn Feiern ist – durchaus im Unterschied zum Festen - nur dort möglich, wo nicht die wirtschaftlichen Warenbeziehungen im Vordergrund stehen, sondern allein die wahren menschlichen Beziehungen, zu denen vor allem die Beziehung des Menschen zu Gott gehört.

Jedes Fest ist religiöser Natur

Die Lebensgrundlage allen Feierns ist die Stimmung der Dankbarkeit. Und die Dankbarkeit wiederum erweist sich nur als die andere Seite der Tatsache, dass eigentlich nichts selbstverständlich in unserem Leben ist. Wer dessen wirklich inne wird, der wird, auch wenn ihn vieles belastet und bedrängt, immer wieder zur Dankbarkeit motiviert. Das gilt erst recht für den christlichen Glauben, der nicht in erster Linie dazu da ist, dass er kritisch hinterfragt oder gar in Zweifel gezogen wird. Er ist vielmehr dazu da, dass er gefeiert wird. Der Glaube ist zunächst selbst ein Fest und findet seine schönste Artikulation im Gottesdienst als dem „Fest des Glaubens“ (J. Kardinal Ratzinger). Von daher liegt es nahe, weiter den beiden Worten nachzudenken, die sich gut aufeinander reimen: Glaube und Fest.

Was ist ein Fest? Es dürfte wohl keine schönere und zugleich treffendere Umschreibung dafür geben als diejenige, die uns der Philosoph Josef Pieper geschenkt hat, der das Fest als „Zustimmung zur Welt“ interpretierte. Das bringt vor allem zweierlei zum Ausdruck, das für ein Fest unabdingbar ist: Das Fest bedeutet erstens immer eine Bejahung und Bestätigung des Daseins. Ein Fest ist immer dann, wenn ich Ja sagen und wenn ich der Welt, dem Sein überhaupt und darin mir selbst zustimmen kann, weil ich dem Grund meiner selbst und dem Grund allen Lebens, nämlich Gott, zustimme. Da das Fest das Dasein feiert und immer seine Bejahung zum Thema hat, ist eigentlich jedes Fest religiöser Natur, selbst wenn dieser Bezug zu Gott gar nicht bewusst ist, wenn er von vielen anderen alltäglichen Wirklichkeiten überdeckt oder wenn er sogar ausgeblendet wird.

Kein Mensch kann alleine feiern

Dieser religiöse Bezug jedes Festes wird im Glauben ausdrücklich gemacht. Im Glauben ist deshalb der Kern dessen gegeben, was die Welt zum Fest machen kann, nämlich das Motiv der Zustimmung. Denn Glauben heisst Ja sagen zu dem grossen Ja, das Gott selbst zur Welt gesagt hat. Glauben heisst, unsere Welt nicht einfach als Materie zu betrachten, die den Menschen als handhabbares Material zur Verfügung steht. Glauben heißt vielmehr, unsere Welt als Schöpfung Gottes zu betrachten, die von Gott gewollt und geliebt ist und der er seine unbeirrbar treue „Zustimmung“ gegeben hat.

In dieser Zustimmung zur Welt liegt überhaupt das spezifische Merkmal des christlichen Glaubens. Das unterscheidet ihn sowohl von der in Asien üblichen Methode der Versenkung, die gerade nicht Zustimmung zur Welt, sondern Befreiung von der Welt durch Selbstverzicht will, als auch von unserem modernen Umgang mit der Welt, der nicht Zustimmung, sondern oft genug Widerspruch gegen das Sein im Sinne einer deprimierten Aufgebrachtheit ist. Dagegen ist der christliche Glaube ein positiver und das Dasein bejahender Lebensvollzug. Denn er ist Zustimmung zur Welt, und zwar von ihrem tiefsten Grund, von Gott her. Deshalb ist der Glaube seinem wahren Wesen nach ein Fest. In diesem Fest vollziehen wir Gottes „Zustimmung zur Welt” nach und danken ihm, dass er die ganze Schöpfung will und ihr seine Zustimmung schenkt.

Der Glaube hat deshalb nicht nur den Charakter eines Festes, sondern er ist im Kern Eucharistie - Danksagung für das Dasein überhaupt. Stellvertretend für die ganze Menschheit, ja für die ganze Schöpfung loben und danken wir Gott in der Feier der Eucharistie. Der Glaube ist nirgendwo so sehr in seinem Element wie in der Eucharistie, die das Zweite Vatikanische Konzil als Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens bezeichnet hat. Denn in der Eucharistie wird sichtbar, dass in jedem Fest letztlich immer Gott gefeiert wird, dem alles Seiende sein Dasein verdankt, der die Schöpfung will, der sie unaufhörlich in ihrem Dasein erhält und von dem allein die wahre und tragfähige Daseinszusage kommen kann.

Die zweite wesentliche Konsequenz aus Piepers Fest-Definition ist: Damit ein Fest gefeiert werden kann, sind personale Beziehungen zwischen Menschen die unabdingbare Voraussetzung. Denn Feste kann man prinzipiell nicht allein feiern. Menschen feiern vielmehr Feste, um sowohl ihr eigenes Dasein als auch das der anderen immer wieder neu zu bestätigen oder von anderen bestätigen zu lassen. Darin besteht der menschlich tiefe Sinn, zum Beispiel Geburtstage oder Eheschliessungen zu feiern.

Dieser urmenschliche Sinn des Festes kann im Licht des Glaubens vertieft werden. Wenn nämlich das eigentliche Thema des Festes die wechselseitige Daseinszusage ist und wenn das Fest personale Beziehungen voraussetzt, dann ist es in allererster Linie der Dreifaltige Gott selbst, der sein urewiges Fest feiert, nämlich die himmlische Liturgie. Diese ist „die Lebensfülle des dreifaltigen Gottes selbst, in der die drei Personen miteinander in vollkommener Weise kommunizieren und zu einer vollendeten Einheit finden“ (so M. Kunzler). Denn wo anders als bei den drei Personen der Dreifaltigkeit könnte die gegenseitige freudige Zusage des Daseins einer Person durch andere Personen intensiver und inniger geschehen? Und wo anders als in der Dreifaltigkeit könnte sich die vollkommene Bestätigung der Gutheit und Schönheit einer Person durch andere Personen vollziehen?

Das himmlische und das irdische Fest

Die himmlische Liturgie ist als Vollzug der überbordend lebendigen Liebesbeziehung zwischen den drei Personen der Dreifaltigkeit ein „Spiel vollendeter Liebe“, ja im tiefsten Sinn des Wortes ein „Liebesspiel“ (Kunzler). In diesem Spiel feiert Gott sich selbst in der gegenseitigen Freude der drei Personen aneinander; in dieser unendlichen gegenseitigen Daseinszusage der drei Personen hat auch die göttliche Daseinsbejahung der ganzen Schöpfung ihren Grund und ihren Lebensort.

An diesem himmlischen Fest Anteil zu bekommen, macht das ewige Leben der Erlösten aus. Die Vollendung unseres Lebens und der Welt wird deshalb ein ewiges Fest sein. Doch bereits im jetzigen Leben dürfen wir Anteil erhalten an diesem Fest des Himmels in der irdischen Liturgie der Kirche. Denn die auf unserer Erde gefeierte Liturgie ist Kommunikation zwischen Gott und seinen Geschöpfen und damit immer auch Teilhabe an der Lebensfülle des Dreieinigen Gottes. Wenn sich somit die himmlische Liturgie in die irdische herab senkt und sich im Beten, Singen und Feiern der irdischen Kirche sichtbar macht, dann ist der Dreieine Gott selbst das wahre Subjekt und der eigentliche Zelebrant der kirchlichen Liturgie. Seine Gegenwart macht die Feier des Gottesdienstes vollends zum Fest.

Von daher wird auch der Blick frei auf das tiefste Geheimnis der Kirche. Wie man ein Fest nie allein feiern kann, so kann man auch den christlichen Glauben nicht allein leben, sondern immer nur in der Glaubensgemeinschaft der Kirche. Sie ist dazu berufen, das dreifaltige Gemeinschaftsleben Gottes auf der Erde sichtbar darzustellen und glaubwürdig zu leben. Die tiefste Berufung und die schönste Identität der Kirche besteht darin, Abbild, ja Ikone der Dreifaltigkeit und ihres ewigen Festes zu sein.

Läuft diese Glaubensperspektive des Festes aber nicht Gefahr, aus der harten Realität des Lebens in eine heile Welt des Gottesdienstes zu entfliehen? Dass dies nicht der Fall ist, können wir gerade bei armen und leidenden Menschen lernen. Sie pflegen bei Festen ihre Alltagsmisere keineswegs auszusparen oder zu verdrängen; sie feiern „trotzdem“. Es ist kein Zufall, dass die grössten Ermutigungen zum Feiern von Festen und Liturgien heute aus dem Bereich der Theologie der Befreiung stammen. So sagt beispielsweise der Jesuitentheologe Francisco Taborda von den liturgischen Feiern, sie seien „ein Lichtstrahl in der Dunkelheit der Gefangenschaft, ein Freiwerden von Kräften des Lebens in einer Welt des Todes“.

Feste und Gottesdienste sind immer auch Akte des Widerstandes gegen die faktische Realität und können deshalb nur in einer gläubigen Kontrasthaltung gegen die Leidenserfahrungen im persönlichen wie gesellschaftlichen Alltag vollzogen werden. Der leidende Mensch leugnet im Fest nicht sein Leid; er tröstet sich vielmehr – und er feiert den Trost. Solchen Trost kann es aber nur geben aus einem – manchmal verborgenen – Glauben an die Sinnhaftigkeit des Geschehens. Diese Sinnhaftigkeit aber hat ihren tiefsten Grund in der „Zustimmung zur Welt“, die Gott uns zusagt und die wir im Fest feiern.

Gottesdienste: Akte des Widerstands

Von daher erschließt sich der schöne Sinn der Liturgie der Kirche. Als Fest kann sie nur wahrgenommen und vollzogen werden, wenn sie überhaupt keinen Zweck verfolgt, wiewohl ihr Sinn zukommt, ja wenn sie diesen Sinn feiert, indem sie einen Lebensraum ermöglicht, in dem sich der Mensch bewegen, entfalten und den Sinn seines Lebens finden und feiern kann. Das innerste Wesen der Liturgie als Fest besteht darin, vor dem lebendigen Gott ein heiliges Spiel zu spielen, also nicht etwas zu schaffen oder zu leisten, sondern zu sein. Deswegen die „sonderbare Mischung von tiefem Ernst und göttlicher Heiterkeit“ (J. Baumgartner), die die Liturgie als Fest eine auszeichnet.

Diese Mischung kommt auch dem christlichen Sonntag zu, der den Alltag des heutigen Leistungsmenschen, eines „Wesen ohne Rast und Ruh“, heilsam unterbricht durch einen Tag, an dem er aus seinen gesellschaftlichen Betriebsamkeiten und anstrengenden Leistungen auf sich selbst zurückkommen und sich vor Gott auf das Geheimnis seines Lebens besinnen kann. Im Licht des christlichen Sonntags ist der Mensch gerade nicht ein geheimnisloses Bündel von befriedigbaren Bedürfnissen, sondern der erste Freigelassene der Schöpfung, der sein Leben von Gott her empfängt und es ihm verdankt. Die Zeit des Sonntags ist deshalb in erster Linie nicht Frei-Zeit, sondern Fest-Zeit. Wer den christlichen Sinn des Festes wiederentdecken will, ist gut beraten, den Sonntag als Ur-Fest zu retten und die christliche Sonntagskultur zu revitalisieren. Sie bekräftigt, wie Papst Johannes Paul II. betont, nicht nur den „absoluten Primat Gottes, sondern auch den Primat und die Würde des Menschen“ und nimmt „in gewisser Weise den ,neuen Himmel’ und die ,neue Erde’ vorweg“. Denn ein Fest ist immer nur im Vorschein auf die Vollendung des menschlichen Lebens und der ganzen Schöpfung in der Lebensfülle des Dreifaltigen Gottes möglich.

Kurt Koch