Deine Eltern sind o.k.

Das versteht sich doch von selbst: Pfarrgemeinden müssen den Kindern geschiedener Eltern helfen. Was sich nicht von selbst versteht: Die Hilfe kommt nur an, wenn die Gemeinde auch die Eltern anerkennt.

Wenn Eltern sich trennen, ist es für die Kinder eine schmerzliche Erfahrung. Eine Allerweltsweisheit, gewiss. Doch für christliche Gemeinden bedeutet sie eine ganz konkrete Herausforderung. Gehört es doch zu ihrem Selbstverständnis, sich auf die Seite der Schwachen zu stellen. Auf welche Wünsche und Bedürfnisse dieser Kinder müssen Pfarrgemeinden also antworten, wenn sie ihnen helfen wollen?

Kinder möchten traurig sein dürfen.

Nicht nur Eltern sorgen für ihre Kinder, sondern umgekehrt auch die Kinder in hohem Maß für ihre Eltern. Wenn sie den Eindruck haben, dass die Eltern mit ihrer Traurigkeit allein gelassen und überfordert sind, dann neigen sie dazu, ihre eigene Traurigkeit zu verbergen. Wer Kindern Trauer ermöglichen möchte, muss deshalb die Trauer der Eltern mittragen. Allerdings verlangt es viel Einfühlungsvermögen, Taktgefühl und Unbefangenheit, trennungswilligen Paaren in angemessener Weise zu signalisieren, dass man ihre Trauer versteht, respektiert und teilt; nicht von ungefähr gelingt das vor allem Betroffenen selbst. Dass solche Gruppen in der Pfarrgemeinde ein Heimatrecht haben, ist schon ein wichtiger Schritt.

Kindern Trauer ermöglichen heißt aber auch: ihnen die Verhaltensweisen zugestehen, mit denen sie ihre Trauer ausdrücken können. Dazu gehören aggressives Verhalten oder Regression auf frühere Entwicklungsstufen mindestens so oft wie Rückzug und Tränen. Erfahren sie in unseren pfarrlichen Kinder- und Jugendgruppen Toleranz, wenn sie so reagieren? Dann könnten diese Gruppen ein Stück Lebenshilfe leisten.

Kinder möchten gesagt bekommen, dass nicht sie ihre Eltern getrennt haben.

Eine Tabuisierung des Trennungsthemas macht es Eltern schwerer, die Verantwortung für die Trennung voll zu übernehmen und mit ihren Kindern über die Trennung zu sprechen. Gerade im Blick auf ihre Pfarrgemeinde fürchten viele, denen an der Kirche noch liegt, einer moralischen Kritik zu begegnen. Das Thema „Trennung“ offen anzusprechen und dabei Respekt vor der persönlichen Lebensgeschichte der Menschen und ihren Gewissensentscheidungen zu zeigen, könnte deshalb vielen Familien helfen.

Kinder möchten beide Eltern lieben dürfen.

In diesem Wunsch steckt das zentrale Problem vieler Kinder aus geschiedenen Ehen. Was sie eigentlich belastet, ist letztendlich nicht die häufige Abwesenheit eines Elternteils, sondern der Loyalitätskonflikt, in den viele nach der Trennung ihrer Eltern geraten. Eltern, die zwischen ihrem Paarkonflikt und ihrer Eltern-Rolle zu unterscheiden versuchen, verdienen wegen dieser immer wieder neuen psychischen Anstrengung alle Hochachtung. Allerdings zeigt sich dabei nicht selten: Dem „entfernteren“ Elternteil, meist dem Vater, fällt es trotz einvernehmlicher Umgangsregelung oft schwer, seine Elternrolle wahrzunehmen. Das hat auch mit dem gesellschaftlichen Umfeld zu tun. Wann sagt ein Pfarrer bei einer Einladung: Herzlich willkommen sind auch die Mütter und Väter, die nicht mit ihren Kindern zusammen leben?

Natürlich sitzen die Kirchenbänke nicht voller geschiedener Väter. Aber ganz sicher sitzen Kinder aus geschiedenen Ehen da; sie könnten dann hören, dass die Gemeinde ihre Väter oder Mütter, die sie selbst vielleicht nur selten sehen, wahrnimmt. Das heißt: dass sie dazu gehören. Auch bei mancher Planung von Familienfesten könnten Seelsorger und Katecheten als Anwalt des Kindes eine vermittelnde Rolle übernehmen.

Bleibt die große Zahl der Kinder, die ganz oder überwiegend den Kontakt zu einem der beiden Eltern entbehren. Für sie können Kinder- und Jugendgruppen, Familienkreise, die die Kinder mit einbeziehen, und andere Gruppen ein exzellentes Feld anbieten, auf dem sie verlässliche erwachsene Bezugspersonen finden.

Kinder möchten sicher sein, dass sie nie allein oder unversorgt sein werden.

Für Kinder ist die eigene Familie der stärkste Garant der persönlichen Sicherheit. Wie sie die Umstellungen bei einer Trennung der Eltern verkraften, entscheidet zu allererst das verständnisvolle und klare Wort der Eltern selbst. Doch sollte niemand unterschätzen, wie beruhigend die unveränderte Zuwendung der übrigen Umwelt wirken kann. Zu diesem stabilen sozialen Netz kann auch die Pfarrgemeinde mit ihren kleinen und großen Gruppierungen gehören – ein lebendiges Zeichen für die Botschaft von einem Gott, auf den man sich verlassen kann.

Viele Eltern wechseln allerdings nach einer Trennung ihren Wohnort. Es lohnt sich deshalb, diese Möglichkeit bei Veranstaltungen für Neuzugezogene mit im Blick zu halten. Auch ein Treffpunkt Alleinerziehender kann als willkommene Brücke zur neuen Gemeinde hin dienen. Vielleicht können benachbarte Gemeinden eine solche Treffpunktarbeit auch gemeinsam tragen.

Kinder möchten wissen, dass es beiden Eltern wieder gut gehen wird.

Gerade Kinder brauchen Vertrauen in die Möglichkeiten von Glück, auf die sie zugehen – nicht nur in einer fernen Zukunft ihres eigenen Erwachsenenlebens, sondern in der nahen, sehr konkreten Zukunft ihrer Familie. Sie möchten sich davon überzeugen, dass für beide Eltern eine gute Perspektive da ist. Viele fühlen sich sogar verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Eltern und neigen dazu, eigene Entwicklungsschritte dafür zu opfern – sei es, dass sie sich selbst als (allzu) vernünftige „Partner“ zur Verfügung stellen, sei es, dass sie durch „Sorgenzufuhr“ die Eltern von ihrer eigenen Misere abzulenken versuchen.

Können Kinder geschiedener Eltern spüren, dass die Mitglieder einer Pfarrgemeinde ihren Müttern und Vätern eine glückliche Zukunft zutrauen und zubilligen? Diesen Aspekt sollte auch die Diskussion der immer noch ungelösten Problematik der Pastoral mit wiederverheirateten Geschiedenen berücksichtigen.

Kinder möchten hören, dass sie eine gute Familie haben.

Das Selbstwertgefühl eines Kindes hängt in hohem Maße mit der Wertschätzung zusammen, die seine Eltern genießen. Das heißt konkret: Eltern, die ihren Kindern zu einem gesunden Selbstbewusstsein verhelfen möchten, brauchen eine gesellschaftliche Anerkennung ihrer familiären Welt. Für die Pfarrgemeinde erfordert das einen Balance-Akt: Einerseits werden ihre Repräsentanten es mit Recht als ihre Pflicht ansehen, die Institution der Ehe gerade in der heutigen Zeit zu schützen; andererseits dürfen sie Geschiedenen und ihren Kindern nicht den Eindruck vermitteln, als sei ihre Familie doch keine „richtige“ Familie. Kinder nicht nur als „Betroffene“ in besonderen Gruppen der Pfarrei willkommen sind, sondern entsprechend ihren Fähigkeiten und Interessen auch in pfarrliche Gremien oder in Vorstände von Verbänden und Gruppen gewählt werden. Oder ob ihnen gar umgekehrt – das wäre der härteste Fall – wegen der Scheidung nahe gelegt wird, solche Ämter niederzulegen.

Nach der Trennung eines Elternpaares stehen alle Familienmitglieder vor der großen Herausforderung und Chance, über der Bewältigung dieses Traumas menschlich zu reifen. Dabei können Pfarrgemeinden für Kinder aus diesen Ehen eine Stütze sein; sie müssen nur mit Zuversicht an den Ressourcen anknüpfen, die die betroffenen Fami­lien selbst mitbringen.

Elisabeth Mackscheidt