Ein Segen für alle

Es ist ein Abenteuer: Wir, katholische Kindergärten in Ludwigshafen, wollen sowohl die Kinder als auch deren Familien in Berührung bringen mit dem Grund des Lebens, den wir in Gott erkennen.

Den Schatz des Glaubens öffnen

Ohne Aufdringlichkeit, aber klar, mit Toleranz, jedoch nicht mit Gleichgültigkeit. Wir wollen „missionarisch Kirche sein“, unseren Glauben an die heranwachsende Generation vermitteln, seine Schatztruhe öffnen (und manchmal auch bergen), die Menschen einladen, diesen Glauben als Fundament für ihr Leben anzunehmen, damit es gelingt. Hören, verstehen, sehen, staunen, riechen, verkosten, genießen, empfangen, geben, vertrauen: Auf dieser ganzheitlichen Grundlage versuchen wir, die religionspädagogische Konzeption für die Kindergärten zu entwickeln. Gleich vorweg: Wir – eine Gemeindereferentin, ein Praktikant für das Priesteramt, ein pensionierter, ständiger Diakon im Ehrenamt und ich selbst als Pfarrer – sind noch in einer Art Experimentierphase. Vieles ist also noch offen, beweglich, ergänzungsbedürftig.

Das Jahr eines kirchlichen Kindergartens lehnt sich an das Kirchenjahr an. Nicht nur Advent und Weihnachten, Ostern und Erntedank sind wichtige Stationen, sondern noch vieles mehr. Deshalb gibt es in unserem Konzept für jeden Monat neben den kognitiven, affektiven, sozialen und anderen Lernzielen auch einen religiösen oder religionspädagogischen Akzent, für den wir die Schatztruhe des Glaubens, der Riten und des Brauchtums öffnen. (Es versteht sich von selbst, dass die Ziele miteinander in Verbindung stehen oder sich gegenseitig ergänzen und unterstützen.) Die Welt im Kindergarten ist dann zwar für eine gewisse Zeit eine andere als die der Kinder zu Hause; aber gerade darin zeigt sich letztlich die Herausforderung des christlichen Menschen- und Gesellschaftsbildes und die Mission der Kirche und eines kirchlichen Kindergartens.

Gegenrudern im Weihnachtsrummel

Ein einfaches Beispiel: Viele klagen in der Adventszeit über den Rummel um die Geschenke. Unerträglich, wenn es schon ab Oktober Schokoweihnachtsmänner in den Regalen gibt! Das, worum es eigentlich geht, wird kaum noch gekannt und wiedererkannt bei den vielen „Weihnachts“-feiern, -männern, dem „Weihnachts“-gedudel aus allen Ecken. Advent als Vorbereitungszeit auf das Fest fällt aus. Weihnachten wird vorgefeiert, nicht vorbereitet. Und wenn dann das Fest gekommen ist, ist man seiner schon nach zwei Tagen überdrüssig; schon am 27. Dezember liegen die Weihnachtsbäume vor der Tür. Es ist schwer, jetzt dagegenzurudern, Gegenkulturen zu schaffen und das dahinter stehende Gut, den Schatz also, aufleuchten lassen; vielleicht haben wir uns in Sachen Advent und Weihnachten schon zu lange das Ganze schon aus den Händen reißen lassen. Wir versuchen es: Wir stellen die Kindergartenkrippe auf und lassen den Heiligen Josef mit Maria und dem Kind unter ihrem Herzen auf einem Weg dorthin ziehen, jeden Tag einen Schritt weiter, durch ein Lichtchen gekennzeichnet. Den Weihnachtsbaum schmücken wir am letzten Tag vor den Weihnachtsferien mit den Kindern; er bleibt die ganze Weihnachtszeit über stehen, bis die Kinder wiederkommen, dann liegen darunter die kleinen Geschenke. Weihnachten ist eben mehr als „Heilig Abend“ und erstreckt sich noch über das Fest der Heiligen Drei Könige hinaus. Die Weihnachtsfeier findet in der Weihnachtszeit und nicht in der Adventszeit statt. (Dafür müssen wir selbst in kirchlichen Kreisen um Klarheit und Eindeutigkeit, auch im sprachlichen Ausdruck, kämpfen).

Heilige statt Max und Moritz

Da viele Kinder in ihren Familien von anderen religiösen Bräuchen im Kirchenjahr nichts oder nur ganz wenig erfahren, müssen wir im Kindergarten hier einspringen und manches wieder zum Leben erwecken, was früher einfach dazu gehörte. Wie wäre es zum Beispiel mit dem Segnen? Oder: Mit den Kindern zu beten ist sicherlich eine Selbstverständlichkeit in kirchlichen Einrichtungen – aber auch Gebete zu lernen? Sollten kirchliche Kindergärten nicht auch „Gebetsschulen“ sein können? Oder: Geburtstage sind immer Festtage im Kindergarten – wenn wir von den vielen Heiligen erzählen, könnten wir doch auch versuchen, die Namenstage zu begehen, natürlich auch für Kinder, deren Vorname keinem Heiligen zuzuordnen ist. Oder: Wir geben den Kindergartengruppen nicht Namen wie „Sternchen“, „Frösche“, „Max“ und „Moritz“, sondern die Namen von Heiligen, mit denen die Kinder etwas zu verbinden lernen. Selbstverständlich gehört dann auch das Patrozinium der Kirche als Festtag in den Kalender. Ein Kreuz hängt in jedem Gruppenraum des Kindergartens; es kann in der Fasten-und Osterzeit besonders hervorgehoben oder geschmückt werden. Wie von selbst fügt sich dann auch Maria, die Mutter Jesu ein. Im Mai gehen die Kinder hinaus in die Natur und pflücken Blumen (oder bringen welche von zu Hause mit) und stellen sie vor ihr Bild. Dann gehört auch der Herbst mit den fallenden Blättern und ein Besuch des Friedhofes ganz natürlich dazu. Wir zünden Lichter an, die an das Osterlicht erinnern. Das alles geschieht immer in Verbindung mit Jesus, dem Freund der Kinder; wir hören nicht nur etwas über ihn, sondern lernen ihn kennen vor allem auch durch Erfahrungen mit ihm in der lebendigen Kirche und ihrer Traditionen. Hier steht dann der Weg zum ökumenischen und interreligiösen Dialog offen: „Ich zeige dir meines, und du zeigst mir deines.“

In jedem Monat ist ein Besuch in der Kirche vorgesehen. Dann kommt auch der Pfarrer oder ein anderer „Kirchenmann“ oder eine „Kirchenfrau“ und feiert einen kleinen Gottesdienst mit den Kindern. So wird deutlich, dass unser Kindergarten etwas mit der Kirche zu tun hat. Zudem gibt es jeden Sonntag das Angebot eines Kinderwortgottesdienstes im Pfarrsaal und ein Mal im Monat einen Familiengottesdienst; dabei tritt der Kindergarten wenigstens an einer Stelle in Erscheinung, zum Beispiel durch ein Lied oder durch ein Gebet.

Ohne die Eltern läuft gar nichts

Die Eltern nehmen in unserer Konzeption wohl die wichtigste Position ein. Ohne die Väter und die Mütter (oft allein Erziehende) läuft gar nichts! Deshalb haben wir versuchsweise einen Elternkurs zur religiösen Erziehung angeboten. Wenige kamen, aber die Wenigen hatten, wie sie sagten, großen Gewinn. Allerdings muss ich eine gewisse Ratlosigkeit eingestehen: Der Kontakt zu den Eltern wäre so unendlich wichtig – aber wie können wir ihn dauerhaft halten? Beim großen Kindergartenfest die Eltern zu begrüßen, von Tisch zu Tisch zu gehen und smalltalk zu halten, das ist mir zu wenig. Mir schwebt ein Besuchsdienst der Pfarrei vor, der jede Familie (ob katholisch, evangelisch oder andersgläubig) wenigstens ein Mal im Jahr zu Hause besucht.

Eine Schlüsselposition haben auch die Erzieherinnen. Eine Erzieherin, die selbst religiös ist, ihr Christsein in Gottes- und Nächstenliebe lebt und praktiziert, ist das beste Aushängeschild. Solche Mitarbeiterinnen wachsen nicht auf den Bäumen. Jede bringt ihre Geschichte (auch die ihrer religiösen oder nicht religiösen Sozialisation) mit, die wir ernst nehmen müssen, die sich aber auch weiterentwickeln darf. Deshalb muss Fortbildung sein; eine religionspädagogische schreibe ich als Chef in den jeweiligen Kindergartenterminkalender. Ich spiele mit dem Gedanken, für die, die sich dafür entscheiden wollen, auch so etwas wie einen Besinnungstag anzubieten.

Wichtig, um den Kindergarten zu profilieren, sind die vielfältigen Verbindungen zu den Aktivitäten und Gruppierungen der jeweiligen Pfarrgemeinde. Sie ergeben sich bisweilen ganz von selbst, müssen aber auch bewusst gepflegt oder initiiert werden. Beim Arbeitskreis „Familie“ im Pfarrgemeinderat sollte eine Erzieherin ebenso mit von der Partie sein wie im Vorbereitungsteam für Kinderwortgottesdienste; beim jährlichen Pfarrfest tritt der Kindergarten in Erscheinung, beim Kindergartenfest die Pfarrgemeinde – und so weiter.

Fazit: Wenn es einen Kindergarten in der Pfarrei gibt, ist das ein Segen für alle. Er ist ein Tor in ein gelingendes Leben für die Kinder, die dort Heimat finden – manche zum ersten Mal in ihrem Leben. Und er ist eine Tür für die Eltern, die manchmal nur einen Kindergarten für ihr Kind suchen, dann aber viel mehr erleben und erfahren können – auch, dass die Kirche Raum für sie hat.

 

Franz Vogelgesang