Warum ich zurückkam

Weil die Kirche nach dem II.Vaticanum die „Fenster zur Welt“ nur zögerlich öffnete, trat Wolfgang Steffen aus. Bis seine Kinder ihm zeigten, was ihm fehlte.

Ein Akt des Trotzes und der Enttäuschung

Aufgewachsen in der Kriegs-und Nachkriegszeit in einem kleinen, rein katholischen Dorf und nach neun Jahren in einem bischöflichen Internat, unterbrochen vom Grundwehrdienst, trat ich 1962 mit 21 Jahren ins Priesterseminar in Trier ein. Damals wurde gerade das Konzil in Rom eröffnet; wir Studenten waren wie elektrisiert von dem Geist, den Papst Johannes XXIII. in die Kirche brachte, indem er „das Fenster zur Welt öffnete“. Doch so zögerlich, wie die Entscheidungen der Konzilsväter umgesetzt wurden, mit mehr Angst als Mut und Gottvertrauen, war das uns jungen Klerikern zu wenig.

Dann brach auch noch die 68er-Bewegung die Gesell­schaft auf, und für mich gab es kein Halten mehr. Das, was als „revolutionäre Erneuerungen“ von Rom bei uns ankam, konnte mein Verlangen nach Veränderung nicht stillen. Ich hungerte nach „Begegnung mit der Welt“, wollte raus aus dem Käfig des kirchlichen Milieus. Mein „widerspenstiges“ Verhalten (zum Beispiel weigerte ich mich, klerikale Kleidung zu tragen, weil mich das von den Menschen ausgrenzte) endete damit, dass mir die Priesterweihe verweigert wurde. Noch sieben Jahre lang spekulierte ich als Diakon in einer Kirchengemeinde und als Assistent des Studentenpfarrers mit der Möglichkeit, als verheirateter Diakon in der Kirche weiterzuarbeiten zu können, doch dann trat ich in einem Akt des Trotzes und der Enttäuschung über meine „Mutter Kirche“ aus. Ein neues Studium hatte mir mittlerweile neue Möglich­keiten auf dem Arbeitsmarkt erschlossen.

Meine Seele dürstet nach Gott

Mit der Laisierung öffneten sich für mich ganz neue Welten: die Begegnung mit Frauen, erotische und se­xuelle Erfahrungen, die Möglichkeit, eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Es ging mir wunderbar in dieser Zeit des politischen Aufbruchs, der neuen sozialen Bewegungen und der „moralischen Freiheit“. Ich / wir experimentierten „auf Teufel komm raus“.

Und dann waren es gerade die Kinder, die mir vor Augen führten, was mir fehlte: Vertrauen und Glauben.

Zu erleben, dass meine Kinder mir ein bedingungsloses Vertrauen entgegenbrachten, hat mich tief berührt und erschüttert. Zum ersten Mal spürte ich: Es gibt also so etwas – bedingungsloses Vertrauen und ein „sich Hineinfallenlassen in väterlich-mütterliche Hände“. Das weckte in mir die Sehnsucht, das auch selbst zu spüren. Ich suchte es an vielen Orten, in der Liebe, in grup­pendynamischen Versuchen und einer therapeutischen Ausbildung. Aber das alles brachte mich in meinem Glaubenszweifel nicht weiter. Erst als „Gott mich hoch­hob und zu Boden schleuderte“ (wie der Psalmist es ausdrückt), nach einem körperlichen und seelischen Zu­sammenbruch, blieb mir nur noch eine Hoffnung: dass es eine Hand gibt, die mich auffängt.

In diesem neuen Lebensabschnitt habe ich über zehn Jahre zwei große Pilgerwanderungen nach Chartres und nach Santiago unternommen, zusammen mit meiner Frau und manchmal auch mit Freunden. Die Begegnun­gen auf diesem Weg, ob Menschen, Kulturen oder offene Kirchen, öffneten auch mir wieder die Türe zur Kirche. Und da bin ich heute wieder zu Hause. Ich habe eine Pfarrgemeinde gefunden, in deren Gremien ich aktiv mitarbeite, und ich habe mein ganz persönliches Pro­gramm, den Tag mit Meditation und Gebet zur eröffnen und zu beschließen. Dieses neue Erleben von „Glauben können“ spüre ich am deutlichsten, wenn ich sonntags mit meiner Gregorianik-Schola in unserer alten goti­schen Kirche singe, wie die Mönche und Nonnen seit dem sechsten Jahrhundert gesungen haben: Sitivit anima mea ad deum vivum. (Meine Seele dürstete nach dem lebendigen Gott, Ps 42,2)

Wolfgang Steffen