Entscheidet Euch!

Manches, womit junge Erwachsene in der Familien- und Existenzgründungszeit zu kämpfen haben, können sie kaum beeinflussen. Umso mehr gilt es, für sich selbst klare Prioritäten zu setzen

Ereignis- und Aufgabenstau im 21. Jahrhundert

Wer mit dem Auto im Stau der alltäglichen Rush Hour im Berufsverkehr steht, braucht gute Nerven. Machen kann man im konkreten Augenblick wenig dagegen. Man kann sich aber die Frage stellen, ob man unbedingt hier, heute und gerade jetzt hätte fahren müssen.

Ziemlich schnell hat der Begriff „Rush Hour des Lebens“ Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. Heute muss man kaum noch jemandem erklären, was damit gemeint ist. Dass es im Leben der meisten Menschen heute einen Zeitabschnitt gibt, in dem Ausbildung, Abschluss, Berufseinstieg, Existenzgründung, Familiengründung, Kleinkindphase, oft auch Hausbau und noch einige weitere Zutaten zu einem dicht gedrängten Ereignis- und Aufgabenstau führen, ist wohl eine gut nachvollziehbare Tatsache des Lebens im 21. Jahrhundert geworden.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Dazu gehören zuerst einmal einige Entwicklungen, die man als Einzelperson für sich selbst kaum beeinflussen kann: Die Ausbildungszeiten zum Beispiel sind in der Wissens- und Bildungsgesellschaft einfach länger geworden. Höhere Schulabschlüsse brauchen mehr Zeit, komplexere und mehrstufige Berufsausbildungen ebenso. Auslandsauf- enthalte und Zusatzqualifikationen tun ihr Übriges dazu. Auch die Phase des Berufseinstiegs hat sich tendenziell ausgedehnt: Praktika und befristete Beschäftigungsverhältnisse machen es nicht nur schwieriger, sondern auch zeitraubender, sich beruflich stabil zu etablieren. Eine geeignete Wohnung zu finden oder gar Wohneigentum zu erwerben, war vielleicht auch schon mal einfacher. Schließlich  gibt  es  auch  hinsichtlich  der  Partnerwahl in einer hoch pluralisierten Gesellschaft eine deutliche Tendenz zur Komplexität. „Drum prüfe, wer sich bindet, ob auch die Wies zum Acker findet“ – damit wird man heute im Normalfall nicht mehr weit kommen, und bis schließlich in tragfähiger Weise „das Herz zum Herzen findet“, gehen oft viele Jugendjahre ins Land.

Druck von außen kritisch hinterfragen

Viele äußere Gründe also dafür, dass dann in einer recht begrenzten Zeitspanne viele Dinge dicht gedrängt „erledigt“ werden müssen – ohne Zweifel eine knifflige Situation. Es ist mir wichtig, das zuerst einmal klar festzuhalten. Denn jetzt möchte ich kritisch die Frage aufwerfen, ob junge Menschen, Paare und Familien nicht auch selbst noch das eine oder andere dazutun oder glauben dazutun zu müssen, was die Rush Hour noch dichter und stressiger macht.

Deshalb, wie gesagt, einige kritische Anfragen, die letztlich jede, jeder und jedes Paar mit sich selbst klären muss: Gibt es in unserer Gesellschaft, konkret in der Bekanntschaft, Kollegenschaft, Verwandtschaft und Herkunftsfamilie, nicht oft einen mehr oder weniger unterschwelligen Druck, alle Lebensziele in möglichst kurzer Zeit zu erreichen? Wir fangen mit vielem später an (siehe oben) – wollen wir nicht oft trotzdem noch früher damit fertig sein? Leitet nicht recht oft die Vorstellung, alles haben zu müssen – und zwar möglichst bald – unser Handeln: „Mein Haus, meine Frau, meine Kinder, mein Auto, meine Weltreise“? Und steht damit in Verbindung nicht häufig die Weigerung, sich für etwas zu entscheiden, zu etwas ja zu sagen, auch mit der Konsequenz, dann auf anderes zumindest vorerst verzichten zu müssen? Ist das „anything goes“ und das „anything goes at any time“ nicht auch ein brachiales Druckmittel: Wenn du dazugehören willst, wenn du „up to date“ sein willst, dann musst du das alles hinkriegen! Ist „Multitasking“ wirklich ein Zauberwort, oder ist es ein Mythos, der aufgebauscht wird, um die Unfähigkeit zur Entscheidung und zur Konzentration auf die eine wichtige Sache zu verschleiern?

Ich glaube schon, dass der Druck von außen sehr groß ist. Aber gibt es nicht auch eine eigene Verantwortung dafür, diesen Druck des Mainstreams kritisch zu hinterfragen und sich nötigenfalls auch quer zu stellen, sich hier und da dem zu verweigern, was „man heute so macht“? Wir müssen wachsam bleiben, so habe ich meinen Philosophie-Professor noch deutlich im Ohr, dass wir den Freiheitsgewinn der Moderne nicht wieder an neue Konventionen und Zwänge verspielen. Will heißen:  Wir  Menschen  der  Moderne  sind  immer  so stolz darauf, dass wir nicht mehr in den Zwängen des Mittelalters stecken, wo in einer statischen Gesellschaft die Kinder alternativlos immer nur in Beruf, Rolle und Stellung der Eltern hineinwachsen konnten. Wir haben eine gesellschaftliche Situation erreicht, die – zumindest für viele – tatsächlich Wahlmöglichkeiten bietet. Wir sollten jetzt darauf achten, dass wir uns von außen nicht vorschnell vorschreiben lassen, was wir wählen, oder dass wir auf die Auswahl verzichten und versuchen, alles auf einmal zu erreichen.

Prüfen, woran man sein Herz hängt

Dass Freiheit sich immer erst dann konkret verwirklichen lässt, wenn sie auch den entschiedenen Verzicht auf das Nichtgewählte umfasst, ist eine alte Lebensweisheit. Wer nicht entscheiden will oder seine Lebensentscheidungen ständig reuevoll bezetert, vergrößert dadurch letztlich die Gefahr des Scheiterns. Dabei ist Auswählen und Verzichten oft nicht angenehm, aber alles zu wollen und sich dabei tot zu laufen, ist sicher keine bessere Alternative. Und wenn es gelingt, sich zu entscheiden und zu seiner eigenen Entscheidung auch mit Nachdruck und Konsequenz zu stehen, dann ist das eine echte Chance für jede und jeden einzelnen, sich als Person weiterzuentwickeln, Reife zu gewinnen, ein Stück Leben zu gestalten, das auf einer eigenen Entscheidung aufbaut – das heißt schon ganz schön viel, finde ich.

Menschen, die so etwas schaffen, finde ich wirklich bewundernswert. Und überzeugend finde ich so manchen Mitmenschen gerade da, wo er oder sie über ein typisches Prestigeprojektsagen kann: So etwas brauche ich nicht.

Konkret auf die Rush Hour des Lebens bezogen, könnte man sich aus dieser Perspektive vielleicht die folgenden kritischen Fragen stellen:

❚❚  Muss ich wirklich mit 40 alles erreicht haben? Was ist auch danach noch möglich?

❚❚  Muss ich ein eigenes Haus haben, bevor ich eine Familie gründe?

❚❚  Müssen wir uns erst ein eigenes Festival leisten können, ehe wir an eine Hochzeit denken?

❚❚  Muss man eine Erwerbsbiografie (ob nun von Frau oder Mann) wirklich unbedingt ohne nennenswerte Familienpause durchlaufen?

❚❚ Müssen Kinder wirklich neben einer Vollzeit-Berufstätigkeit großgezogen werden?

❚❚  Müssen alle Jugendträume spätestens im mittleren Erwachsenenalter nachgeholt werden?

Und die schöne, plakative und grundlegende Anfrage sei noch angefügt: Müssen wir wirklich auf eine Weise, die wir nicht mögen, Geld verdienen, weil wir mit Geld, das wir nicht haben, Dinge kaufen, die wir nicht brauchen, um damit Leute zu beeindrucken, die uns sowieso nicht mögen?

Das sind natürlich alles Zuspitzungen, und – wie gesagt– die reellen Zwänge darf man nicht leichtfertig ausblenden, aber: Prüfen, woran man sein Herz hängt, das ist eine Aufgabe auch und gerade für die Rush Hour des Lebens.

Michael Feil