Angesichts des Sterbens neu leben lernen

Ein Paar gestaltet die letzten gemeinsamen Monate als geistlichen Weg. Hans-Jakob Weinz erzählt, wie er und die Familie die letzten Jahre mit seiner Frau erlebte, die drei Jahre nach ihrer Krebsdiagnose starb.

Ich möchte leben!
Leben – und nicht kämpfen
nicht gegen Wände rennen
und unbedingt durchkommen wollen
Auch nicht dem Tumor etwas entgegensetzen −
wie sollte ich das können?

Ich möchte leben!
Leben so lange und so gut es geht
Meine Lebensgeister entdecken und feiern!
Meiner Beharrlichkeit Raum geben
Und die festlichen und
weniger festlichen Lebens-Augenblicke
als kostbares Geschenk annehmen

Was ist heute?

Diesen Text schrieb Gabi, meine Frau, unseren drei Töchtern und auch mir einen Monat vor ihrem Tod, um uns zu sagen, wie sie die letzte Wegstrecke ihres Lebens gehen wollte. Kurz zuvor hatte Gabi, von mir unterstützt, entschieden, nach drei Jahren Kampf mit dem Krebs auf weitere quälende Behandlungen zu verzichten, weil sie dem sicheren Tod doch nur ein wenig mehr an Lebenszeit abringen könnten. Wir wollten einfach noch ein wenig «gutes Leben» als Paar, als Familie, ohne die Beeinträchtigungen durch eine anstrengende Therapie. Ein paar Wochen in der Toskana, eine Woche im Kloster Helfta ... Leben, neu leben lernen, das war das innere Thema unseres Weges mit Gabis Krankheit von Anfang an. In der Osterwoche 2008 brach der Krebs in Gabis, in unser Leben ein: Diagnose Brustkrebs! Erschrecken, Panik, Todesangst war die erste Reaktion. «Keine Sorge», hiess es. «Das ist kein Todesurteil. Viele Frauen werden wieder ganz gesund.»

Gabi fand als erste aus der Erstarrung. Sie wollte die Herausforderung annehmen und ihren Weg mit der Krankheit gestalten − auch als geistlichen Weg. In einemRitual, das wir mit zwei Freundinnen aus unsererGemeinschaft (Red.: Katharina-Werk) feierten, haben wiruns zugesagt, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Als wirdarüber sprachen, wie wir ihn verstehen und gehen wollten,sagte Gabi: «Es klingt vielleicht verrückt, aber ich spüre, dieser Weg ist für mich – egal wie er ausgeht – ein Weg ins Leben, ein Weg, tiefer und intensiver zu leben, tiefer in Christus hineinzuwachsen.»Leben: Dazu gehörte für Gabi, dass sie nicht passivesOpfer ihrer Krankheit sein wollte. Da, wo sie es in derHand hatte, sollte die Krankheit ihr Leben nicht bestimmen.Dazu gehörte auch, dass sie die Kontrolle über ihreLebenssituation behalten wollte: Sie informierte sich intensivüber ihre Krankheit, führte lange Gespräche mitihren Ärzten und wollte alles ganz genau wissen. Sie organisierteihr Leben mit den vielen Untersuchungs- undBehandlungsterminen, so wie sie früher ihre beruflicheArbeit organisiert hatte, so dass wir, wenn wir dazu inder Lage waren, scherzhaft sagen konnten: «Du bist jetzt hauptberuflich krank!»

Gabi suchte Begleitung durch eine Therapeutin, nahm Angebote einer psychoonkologischen Einrichtung wahr und begann dort – im Rahmen einer Kunsttherapie − zu malen. Sie, die sich selber als künstlerisch unbegabtbezeichnete, begann, ihr inneres Erleben in Bildern auszudrücken, Bilder, die immer dichter und ausdrucksstärkerwurden und die auch für andere, fremde Menschen zu sprechen begannen. Manchmal nahm siedie Sprache eines ihrer Bilder in einem Gedicht wiederauf, manchmal musste sie einen Text, der ihr «zugewachsen» war, in einem Bild weiterführen. Es war eingroßes Geschenk und ein großer Trost für Gabi undauch für mich, zu erleben, dass ihre Krankheit nicht nurMinderung und Einschränkung bedeutete, sondern zumOrt von neuer Durchlässigkeit, zum Ort von Kreativitätund neuem Leben wurde.Diese Wandlung vom Tod zum Leben, von der Ohnmacht zum selbstbestimmten Gehen brachte Gabi selbst in ihrem Gedicht «Ich falle nicht, ich gehe» zur Sprache. (Gedicht: siehe unten)

Bei allem Licht, das im Dunkel der Krankheit aufschien, es war gleichzeitig immer auch eine zermürbende, quälende Zeit. So habe ich es zumindest für mich erlebt. Der «Geselle Krebs» − wie ich ihn nannte – hatte sich als ungebetener Dauergast bei uns zuhause, in unserem Miteinander als Paar breit gemacht. Er saß mit uns am Frühstückstisch, beim Abendessen, bei unseren Gesprächen, bei unsern Begegnungen mit Freunden. Immer war er präsent, immer war er Thema, immer bestimmte er unsere Zeit – und ich konnte ihn nicht vor die Tür setzen. Es war meist kein großer Kampf, sondern mehr ein zäher, zermürbender Kleinkrieg, jeden Tag, jede Stunde, mit Gefühlen von Unlust und Erschöpfung  …Und manchmal, wenn wir eine Spur von Humor wiederfanden, sagte Gabi: «Komm, wir hauen schnell ab und fahren in die Toskana. Da findet uns der Krebs nicht.»

Ich kam mir oft vor wie damals, bei Gabis Schwangerschaften: irgendwie dabei, aber doch außen vor. Ich konnte nicht wirklich nachempfinden, wie es ihr geht.

Sie musste ihren Weg gehen. Ich konnte nur irgendwie mitgehen, sie halten, trösten, umsorgen, weitere Aufgaben im Haushalt übernehmen, bügeln lernen … Es ist wahnsinnig anstrengend, von sich zu erwarten, permanent fürsorglich und zugewandt zu sein, und es war wie eine Erlösung, als wir uns trauten, endlich einmal wieder einen heftigen Streit zu haben. Wir hatten eigentlich keine Tabuthemen, auch das Thema Sterben war kein Tabu, wir hatten keine Geheimnisse voreinander, wir «wussten» um alles, was im andern vorging, aber wir haben uns nicht alles gesagt. In dem Bedürfnis, Gabi zu schützen und zu halten, habe ich ihr nichts von meiner Panik und Angst gezeigt, wenn sie von ihrer Panik und Not gesprochen hat, sondern ich habe sie einfach gehalten. Und wenn sie an meinem Schweigen und meinem Rückzug – meiner Art mit meiner Not umzugehen – spürte, dass ich mich elend fühlte, dann ist sie (meistens!) nicht in mich gedrungen, sondern hat einfach gesagt: «Lass uns einen Spaziergang machen.» Manchmal, wenn wir uns beide gehalten wussten und sicher, z.B. bei der Krankensalbung durch einen Freund, dann konnten wir zusammen weinen und haben so unsere Not geteilt.

Und Gott? Die ganze Zeit der Krankheit habe ich für Gabi gebetet und sie eingehüllt in den Segen Gottes. Aber nie konnte ich um Heilung beten im Sinne von: «Mach es weg! Lass es wieder sein wie vorher!» Ich konnte es nicht, weil ich spürte, ER ist längst bei mir und bei Gabi. Unser Leben ist zwar auch weiterhin anstrengend, mühsam, zermürbend, aber ER ist da bei mir, bei uns. ER trägt uns im Dunkel, wir fallen nicht ins Bodenlose, und ich konnte «sehen», wie SEINE Gegenwart Gabi mit einer inneren Glut und Kraft füllte, wie ich es zuvor noch nicht erlebt hatte. Gabis Weg war ein wirklicher Wandlungsweg immer tiefer in Christus hinein. Sie hat es selbst in einem Text so beschrieben:

«In den Nächten ist das Dunkel – nicht nur außen – am größten. Panik, Todesangst kann sich ausbreiten. Bereits in den ersten Nächten nach meiner Diagnose habe ich die Erfahrung machen können, dass ich nicht im Dunkel stecken bleiben muss. In meiner großen Not legte ich mir selbst meine Hände auf den Knoten in der Brust und begann um Wandlung zu bitten: ‹Christus, öffne mein Herz, meine Sinne, öffne jede meiner Zellen für dich! Öffne auch die Zellen, die bösartig sind, und erfülle sie mit dir, mit deiner Liebe! Wandle meine Zellen in dich. Wandle sie in Liebe.›

Ich erlebe meinen Weg mit dem Krebs als Wandlungsweg, dessen Ziel Christus ist: Erleben von Dunkel – ich finde ins Licht. Im Laufe der Zeit habe ich entdeckt, was ich selbst beitragen kann, diese Erfahrung zu stärken. Jeden Morgen ist es neue Arbeit, nach einer Zeit der Stille und des Mich-Bereitens zu diesem neuen Tag mein JA zu sagen und ihn sehr bewusst aus den Händen Christi anzunehmen – mit allem, was er mir schenken und auch zumuten wird. Es gibt auch Kämpfe und Wirren um dieses JA, Ängste, in einen dunklen Abgrund zu fallen und einfach darin zu verschwinden.»

Auf unserem langen gemeinsamen geistlichen Weg, Gott zu suchen und uns ihm zu öffnen, haben wir nie so deutlich wie gerade in dieser Zeit die Nähe Gottes gespürt, der mit uns geht in unserem Dunkel, und noch nie haben wir so deutlich die Gnade im Schmerz und Ostern in den Tränen erfahren. Es war, als ob uns jetzt geschenkt würde, was wir damals, als wir heirateten, in der Trauungslesung als unsere Hoffnung proklamiert hatten: «Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi.» (Röm 8)

In den letzten Wochen ihres Lebens sagte Gabi: «Die Welt wird mir immer durchlässiger für die andere Welt», sie spürte den Sog, auch wenn es ihr unendlichwehtat, ihre geliebten Töchter Rafaela, Hannah und Teresaund mich lassen zu müssen.

Zwei Tage vor ihrem Tod haben wir ihren 55. Geburtstag in der Palliativstation gefeiert. Sie war unendlich glücklich, uns alle um sich zu haben, aber zugleich war sie seltsam abwesend, ihre Augen waren schon auf das Andere gerichtet.

Am Abend des 17. Mai 2011 ist sie gestorben. In der Nacht schrieb ich an unsere Angehörigen und Freunde:

«Gabi ist tot. Dienstagmorgen hat sich nach einem schweren Gehirnkrampf ihr Zustand drastisch verschlechtert und am Abend ist sie friedlich eingeschlafen. Wir hatten den ganzen Tag Zeit, bei ihr zu sein, zu beten, zu singen, zu lachen und zu weinen, sie war zwar nicht mehr ansprechbar, aber wir wussten, dass sie uns spürt. Am Abend, als dann die Kinder gegangen waren und sie so selbst gehen konnte, war ich mit ihrer Freundin Sr. Karla alleine bei ihr. Als der Übergang kam, wurde sie ganz ruhig, ihr Atem ging auf einmal ganz leicht, sie machte große Augen, als ob sie etwas Großes sähe, bewegte die Lippen, als wollte sie etwas sagen, nicht zu uns, sondern zu dem, was/der ihr entgegenkam, und dann haben wir sie hinübergesungen. Jesus, le Christ, lumière intérieure ... donne moi d'acceuilir ton amour.

Sie ist jetzt in seinen Armen, der ihre tiefste Liebe und größte Sehnsucht war und der sie in den letzten Wochen in Träumen und inneren Bildern schon gelockt hatte, den letzten Schritt des Lassens und der großen Hingabe zu tun. Es war so schön, sie noch ein letztes Stück auf diesem Weg zu begleiten, aber dann mussten wir sie alleine weitergehen lassen. Das tut so weh und ist doch richtig. Wir sind versöhnt, aber tief, tief traurig: Sie fehlt uns so sehr ... Wir halten uns und sind gehalten. Adieu Gabi!»

SCHRITT FÜR SCHRITT

Ich gehe nicht – ich falle
der Abgrund zieht
droht
die Erde bebt

ich falle nicht – ich gehe

ich gehe nicht – ich falle

ich gehe tastend
angezogen vom Licht des Lichtes
Christus
richtet mich aus
lässt mich gehen
Schritt für Schritt

ich falle nicht

ich schwanke

ich gehe

Text: Hans-Jakob Weinz mit Gedichten von Gabi Weinz