Der Tod gehört zum Leben

Interview mit Psychologin Gertraud Finger

Das Thema Tod ist in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert. Müttern und Vätern fällt es deshalb schwer, unbefangen darüber zu reden. Wir sprachen mit der Diplom-Psychologin und Buch-Autorin Gertraud Finger.
Sie arbeitete viele Jahre in der Erziehungsberatung und leitete die Frühförderstelle des Caritasverbandes Freiburg Stadt.

katholisch.de: Frau Finger, wann und wie sollten Eltern ihre Kinder mit dem Thema Tod vertraut machen?

Finger: Gelegenheiten gibt es viele, etwa wenn die Kinder im Garten einen toten Vogel entdecken. Er ist vielleicht gegen die Fensterscheibe geflogen und hat sich beim Aufprall so schwer verletzt, dass er an seinen Verletzungen gestorben ist. Kinder brauchen solche Gelegenheiten zur „kleinen Trauer“.

Eltern können ihnen dann erklären, dass der Tod manchmal unerwartet kommt. Sie könnten den toten Vogel gemeinsam anschauen. Dabei bekommen die Kinder mit, wie der Körper des toten Vogels ganz steif wird und dass er sich nicht mehr bewegt. Sie könnten ihn in eine kleine Schachtel legen und beerdigen.

katholisch.de: Empfinden Kinder in solchen Augenblicken Trauer?

Finger: Natürlich werden sie ein wenig traurig sein, wenn sie von dem toten Vogel erzählen. Vielleicht fließen auch ein paar Tränen. Aber dahinter verbirgt sich keine tiefe Trauer. Die Kinder haben den Vogel ja vorher nicht gekannt und damit keinen persönlichen Verlust erlitten.

Anders sieht es aus, wenn das eigene Zwergkaninchen oder die Katze sterben. Eltern haben dann oft große Angst vor der Trauer ihres Kindes. Sie möchten es schützen und besorgen sofort ein neues Tier. Doch damit bringen sie ihr Kind um ein tiefes Erlebnis, das für sein weiteres Leben wichtig und sinnvoll sein kann.

Beim Tod seines Kätzchens erlebt das Kind vielleicht zum ersten Mal einen persönlichen Verlust. Es muss Abschied nehmen von einem Tier, das es sehr geliebt hat. Es spürt ganz neue, bisher nicht gekannte Gefühle. Und es lernt, mit seiner Trauer zu leben.

katholisch.de: Sie sprachen von der „kleinen Trauer“. Warum ist sie für Kinder so wichtig?

Finger: Jedes Kind kann ganz plötzlich durch den Tod eines geliebten Menschen getroffen werden. Dieses Erlebnis ist umso schwerer zu verarbeiten, je weniger das Kind darauf vorbereitet ist. Deshalb schlagen Fachleute für Kinder eine so genannte psychologische Immunisierung vor. Der Begriff Immunisierung stammt aus der Medizin. Dem Körper werden beim Impfen geringe Dosen von Krankheitserregern zugeführt, die den Körper selbst nicht schädigen, ihn aber veranlassen, Antikörper zu bilden. Auch bei der psychologischen Immunisierung geht es um eine Vorbeugung – diesmal auf die Schwierigkeiten des Lebens.

Durch das Erlebnis mit dem fremden toten Vogel oder dem eigenen Kätzchen ist das Kind dem Tod begegnet. Es war traurig und durfte erleben, dass es darüber sprechen kann. Es hat geweint und durfte erfahren, dass Weinen gut tut. Es hat auch gemerkt, dass es langsam wieder fröhlich wurde. Es ist um eine Erfahrung reicher geworden, und das kann ihm helfen, wenn es erleben muss, dass ein geliebter Mensch stirbt.

katholisch.de: Wie sollen Eltern mit ihrem Kind umgehen, wenn ein Angehöriger todkrank ist und bald sterben muss?

Finger: Zur psychologischen Immunisierung gehört auch die Vorbereitung auf einen Todesfall. Der nahende Tod eines Familienangehörigen sollte den Kindern nicht verschwiegen werden. Denn sie spüren ohnehin die Stimmung um sich herum. Sie fühlen sich dann einsam mitten unter Menschen, die gedrückt aussehen, seufzen und so tun, als ob nichts wäre.

Erst wenn mit den Kindern darüber gesprochen wird, was die Erwachsenen augenblicklich so belastet, fühlen sie sich dazugehörig. Dann erhalten auch sie Gelegenheit zum Abschiednehmen. Das Traurigsein, das damit verbunden ist, kann auf die spätere Trauer vorbereiten und sie erträglicher machen.

katholisch.de: Wie sollen Eltern über den Tod sprechen?

Finger: Eltern sollten auf keinen Fall den Tod umschreiben. Denn Kinder, vor allem im Vorschulalter, nehmen das, was die Eltern sagen, oft wörtlich. Das kann zu falschen Vorstellungen führen. Wenn ein Kind zum Beispiel hört „Großvater ist eingeschlafen“, kann es erschrecken. Der schlafende Opa wird in einem Sarg in der Erde versenkt. Was passiert, wenn er wieder aufwacht? Dadurch können Ängste vor dem eigenen Einschlafen entstehen. Der Großvater ist auch nicht auf eine lange Reise gegangen. Dann glaubt das Kind vielleicht, der Opa sei ihm böse, weil er sich nicht mehr  meldet. Die Familie hat den Großvater auch nicht verloren. Denn was man verloren hat, kann man wieder finden. Warum suchen Mama und Papa den Opa dann nicht einfach? Dem Wort „Tod“ sollte deshalb nie ausgewichen werden.

Doch genauso wichtig ist es, die Endgültigkeit des Todes zu betonen und ausdrücklich zu sagen, dass der Tote nicht zurückkommt. Dies können kleine Kinder am besten durch Beispiele erfassen. Die Eltern könnten mit ihnen darüber sprechen, dass der Großvater nie mehr mit ihnen in den Zoo gehen wird, oder dass die Großmutter keine Apfelpfannkuchen mehr backen kann.

katholisch.de: Wie können Eltern ihr Kind am besten trösten?

Finger: Indem sie sich liebevoll und mit viel Fürsorge um ihr Kind kümmern. Darüber hinaus brauchen Kinder Eltern, die sie in ihrer Traurigkeit wahrnehmen und trösten. Wirkliche Trostworte sind nicht belehrend. Sie sagen nichts Banales und lenken nicht ab, sondern ermutigen das trauernde Kind, von seinem Kummer zu erzählen. Dazu helfen Worte wie "Erzähl mir von der Oma..." oder "Es muss für dich ganz schlimm sein..." oder "Willst du mir sagen, was dich so traurig macht?" oder "Weißt du noch, damals...?" Solche Worte laden das Kind zu einem Gespräch ein und zeigen ihm gleichzeitig, dass wir seinen Kummer ernst nehmen und ihm zuhören.

Sie helfen dem Kind, sich an den Verstorbenen zu erinnern. Das kann manchmal schmerzlich sein, weil der Verlust dabei sehr deutlich wird. Doch davor können wir Erwachsenen Kinder nicht bewahren. Denn sie sind nur dann in der Lage, ihr Leid zu überwinden, wenn sie leiden dürfen. Wenn wir die Trauer der Kinder anerkennen, brauchen sie ihre Gefühle nicht zu leugnen. Und sie können ihren Weg durch die Trauer gehen. Dies fällt ihnen umso leichter, je einfühlsamer sie dabei begleitet werden.

Das Interview führte Magret Nußbaum