Die Dunkelheit gemeinsam meistern

Wie Kinder in einer Trauergruppe den Verlust eines Elternteils bearbeiten.

„Meinst Du denn, ich bin zum Spaß hier?“

Manchmal vergessen die Kinder beinahe, was sie jeden Monat in dem gemütlichen Haus in Gelsenkirchen zusammenführt. An diesem sonnigen Samstagnachmittag sitzen die fünf Jungen der Gruppe am Küchentisch und kneten Becher aus Ton, nebenan im Wohnzimmer haben die vier Mädchen den Arbeitsauftrag abgewandelt und formen kleine Schalen für Obst und Gebäck. Die Jungen diskutieren über Fußball und sind sich, wie bei diesem Thema im Ruhrgebiet üblich, herzlich uneinig darüber, ob Schalke, Dortmund oder Bochum die beste Bundesligamannschaft ist. Mit Wonne knallen sie ab und zu die Knetmasse auf den mit alten Zeitungen ausgelegten Tisch. Man muss die Luft aus dem Ton rausschlagen und wird dabei praktischerweise auch noch etwas von der eigenen Wut los.

Die Becher erinnern Marcel (alle Kindernamen sind geändert) daran, dass seine Mutter gekellnert hat. „Ich kann das auch, mit ein paar Tellern auf dem Arm.“ Der Achtjährige streckt den rechten Arm mit der Unterseite nach oben lang aus: „So.“ „Wo kellnert sie denn?“ fragt Thomas, der mit seiner Kurzhaarfrisur und seiner Brille fast wie ein Bruder von Marcel aussieht. Marcel schweigt und knetet. Mit ruhiger Stimme greift Mechthild Schroeter-Rupieper ein, die dem kleinen Paul gerade bei seinem Krug hilft: „Seine Mutter ist doch letztes Jahr gestorben“, sagt sie zu Thomas. „Ich dachte, Du weißt das“, wundert sich Marcel. „Hab ich vergessen“, murmelt sein Banknachbar. Marcel schüttelt erstaunt den Kopf: „Meinst Du denn, ich bin zum Spaß hier?“

Nein, nur zum Spaß ist keines der Kinder hier, auch wenn sie oft zusammen Spaß haben und lachen  können. Denn es ist keine Bastel-AG und keine Pfadfindergruppenstunde, zu der sie sich einmal im Monat treffen: Die Mädchen und Jungen gehören zu einer Trauergruppe. Alle haben erst vor ein paar Monaten ihre Mutter oder ihren Vater verloren.

Und alle sind hier, weil sie lernen müssen, mit dem schlimmen Verlust zu leben. Dabei helfen will ihnen die Leiterin der Gruppe, die 43-jährige Gelsenkirchenerin Mechthild Schroeter-Rupieper.

Erwachsene überspielen oft ihre Trauer

Die kfd-Frau aus dem Bistum Essen, ausgebildete Erzieherin und ehemalige Leiterin eines Kindergartens, arbeitet seit zehn Jahren in der Bildungsarbeit zum Thema Trauer. Vor zwei Jahren machte sie sich als Trauerbegleiterin mit ihrer „Lacrima-Trauerbegleitung“ selbständig. Viele der Kinder aus der Trauergruppe hat sie über eine persönliche Trauerbegleitung in der Familie kennen gelernt. „Dann kommt irgendwann der Punkt, wo die Kinder immer ganz viel nach den Erfahrungen von anderen Kindern fragen“, so Schroeter-Rupieper. Zeit für den Austausch in einer Gruppe von Gleichaltrigen. „Es tut den Kindern gut zu sehen, dass es noch viele andere gibt, die das Gleiche erlebt haben. Die meisten fühlen sich so, als habe nur sie ein Verlust getroffen, als ob nur ihr Vater oder ihre Mutter gestorben seien.“

Als Mutter oder Vater den geliebten Partner zu verlieren oder durch eine schwere Krankheit langsam sterben zu sehen, ist schon schlimm genug. Dann aber auch noch einzuschätzen, was dem gemeinsamen Kind in dieser Situation gut tut und was nicht, überfordert viele trauernde Erwachsene. Sie finden keinen Weg, mit Tochter oder Sohn über den Todesfall zu reden, sind ratlos, ob Aggression, Angstzustände, Schulprobleme oder auch eine große Ruhe der Kinder normale Reaktionen oder schon ein Alarmsignal sind. Nicht selten versuchen sie, ihre eigene Traurigkeit zu überspielen und dem Kind zu vermitteln, alles sei in Ordnung. „Das ist die schlechteste Lösung“, findet Monika Jost, Verantwortliche für Trauerbegleitung bei den Malteser Hospizdiensten in Dortmund. „Kinder haben Riesen-Antennen dafür, wenn etwas nicht in Ordnung ist, und sie wissen, dass etwas Wesentliches in der Familie passiert.“ Die Kinder, wenn auch in guter Absicht, davon auszuschließen, wirke auf diese eher bedrohlich als beruhigend. Dann sei die Phantasie der Kinder manchmal schlimmer als die Realität, warnt die Sozialarbeiterin. Gefühle zu verstecken, bringe wenig: „Dass Vater oder Mutter traurig ist, merken die Kinder auf alle Fälle.“

Lieber also die Kinder behutsam in das Geschehen rund um Tod und Trauer mit einbeziehen, und nachfragen, was sie wollen – ob sie zum Beispiel den Toten noch einmal sehen oder auf die Beerdigung gehen möchten. „Es geht den Kindern besser, wenn sie Informationen bekommen“, glaubt auch Schroeter-Rupieper. Was ist eigentlich Krebs? Was passiert mit mir, wenn meine Mama jetzt auch noch stirbt? Darf ich überhaupt traurig sein, wenn Papa nie weint? Diese Fragen beschäftigen die Kinder. Oft aber wüssten sie nicht, wem sie sie stellen sollen, weil sie niemanden belasten wollen. Professionelle Trauerbegleitung kann dann eine Hilfe sein – alleine oder mit Gleichaltrigen.

Mehr als „Klönbecher“ basteln

Die Gelsenkirchener Trauergruppe ist heute ungewöhnlich zusammengesetzt. Normalerweise bilden die jüngeren Kinder eine Gruppe und die älteren treffen sich im Anschluss daran. Doch weil diesmal einige fehlen, haben Schroeter-Rupieper und ihre Mitarbeiterin Katharina Kraska, eine angehende Lehrerin, die Sieben- bis Vierzehnjährigen ausnahmsweise zusammengefasst, damit die Gruppen nicht ausfallen. Erste Aufgabe an diesem Tag sind die „Klönbecher“, die jedes Kind töpfern soll. „Die könnt ihr dann zu Hause immer auf den Tisch stellen, wenn ihr mal über etwas reden möchtet“, erklärt die Trauerbegleiterin. Manchmal basteln oder malen die Mädchen und Jungen bei den Treffen Erinnerungsstücke an den Verstorbenen, manchmal etwas für sich oder die Familie. Immer jedoch reden sie währenddessen darüber, wie es ihnen geht.

„Jetzt bilden wir drei Kleingruppen“, sagt Schroeter-Rupieper als die Tongefäße brennfertig sind. „Da könnt ihr euch noch mal erzählen, warum ihr hier seid und was mit eurem Vater oder eurer Mutter  geschehen ist.“ Elena, Eva und Petra zieht es sofort raus in den Garten, zu einem großen Hasenstall. Sie hocken sich dicht an dicht auf die kleine Bank, die darin steht, und knuddeln liebevoll alle Langohren, die sich von ihnen erwischen lassen. Schließlich fängt die elfjährige Elena an zu erzählen. Ganz ruhig erklärt sie den beiden anderen, wie ihr Vater vergangenes Jahr bei einem Motorradunfall gestorben ist, berichtet ihnen sachlich alle Details, wie der Unfall geschehen ist. Die anderen hören ihr aufmerksam zu. Es fällt leichter, darüber mit Menschen zu sprechen, die aus Erfahrung wissen, wovon man redet. „Und bei euch?“ fragt das blonde Mädchen die beiden Jüngeren. „Mein Vater ist auch letztes Jahr gestorben“, antwortet die achtjährige Eva sanft und streicht die langen braunen Haare hinter das Ohr. Er hatte erst einen schweren Asthmaanfall und dann einen Herzinfarkt, das Mädchen war allein mit ihm, als er starb. „Mein Vater ist auch an einem Herzinfarkt gestorben, dieses Jahr im Februar“, ergänzt Petra (7) und streichelt nachdenklich den Hasen. „Danach dann meine Oma.“

Symbole sprechen lassen

Paul, Thomas und Bettina haben sich in einen alten Bauwagen auf der anderen Seite des Gartens verzogen. Petras Bruder Thomas ist genervt: „Die machen nur Quatsch“, beschwert er sich bei Schroeter-Rupieper. Doch als die Trauerbegleiterin ihm in den Wagen folgt, ist er es, der das Zuhören zuerst nicht ohne einige Witze ertragen kann. Bettina, eine stille, fast erwachsen wirkende Zehnjährige, erzählt von der Krankheit ihrer Mutter. „Meine Mutter hatte Leberkrebs“, berichtet sie. „Leberkäse“, lacht Thomas und der siebenjährige Paul kichert. „Leberkäse.“ Bettina bleibt ernst: „Das ist nicht witzig“, sagt sie unbeeindruckt. Sie erzählt davon, dass sie jetzt im Heim lebt, weil ihr Vater bald wegen eines Betruges ins Gefängnis muss. Und dass sie die Erzieherinnen im Heim nett findet. Die beiden Jungs schweigen und fragen dann nach. „Was hat Dein Papa denn gemacht?“ „Was sagen die in der Schule?“ Es ist ihnen klar, dass das eben kein guter Scherz war. Der Tod ist nicht lustig, das wissen sie selber nur zu gut: Der kleine Paul vermisst seinen Papa sehr und Thomas ist manchmal über den Tod seines Vaters sogar so sauer, dass er etwas kaputt macht. Neulich hat Marcel ihm voller Verständnis erzählt, dass es ihm manchmal auch so geht, das mit der Wut im Bauch. Das war ein gutes Gefühl.

Thomas hat auf einen Gedenkstein, den er in der Gruppe gebastelt hat, seinen Lieblingsverein Schalke 04 verewigt. Über Fußball hatte er sich mit dem Vater immer im Scherz gezankt, denn der war ausgerechnet Bayernfan. Doch neben dem „S04“, unter einem Foto von Papa, Petra und sich, hat Thomas auch einen roten Fleck gemalt, Symbol für den unbegreiflichen Herztod des jungen Vaters.

Dunkelverstecken - eine Herausforderung für die Kinder

„Sagt mal, mit wem würdet ihr denn gerne aus dem Klönbecher trinken?“ fragt Schroeter-Rupieper. „Ich will mal mit meiner Mama daraus Beerchensaft trinken“, sagt Paul ernsthaft. Vor ein paar Tagen ist er sieben geworden, die Kinder haben ihm am Anfang des Treffens ein Geburtstagsständchen gesungen, was ihm ein bisschen peinlich war. Über den Gedenkstein, den er gebastelt hat, sagt Paul nicht viel. Er hält nur still den rohen Baustein mit zwei darauf geklebten Fotos hoch: Das eine Bild zeigt, wie sein Vater ihn als Baby fest im Arm hält, und das andere, wie beide fröhlich lachend zusammensitzen.

Am Ende des Treffens wollen die Kinder Dunkelverstecken spielen. Eine Herausforderung, weil die meisten seit dem Todesfall abends, im Finsteren Angst haben. Ein Raum wird dafür ganz verdunkelt, bis keiner mehr die Hand vor Augen sehen kann. Zwei Fänger müssen die anderen finden. Alle suchen sich rasch ein Versteck hinter dem Sofa oder hinter einem Vorhang, und nach ein paar Minuten klingt schrilles Quietschen und Gelächter aus dem Raum. Als die Kinder dieses Spiel das erste Mal gespielt hatten, bekannten Paul und Marcel hinterher freimütig, doch ein bisschen Angst gehabt zu haben. Eva wollte sicherheitshalber lieber in der Nähe von Mechthild Schroeter-Rupieper bleiben, Thomas hätte schwören können, dass er nach ein paar Sekunden eine Spinne gefühlt hat. Es ist etwas gruselig, mit der Dunkelheit klar zu kommen. Doch alle wollen es wieder probieren.

Carmen Molitor