Schattenkinder - Wenn Eltern krebskrank sind

Wer die Diagnose Krebs erhält, dem wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Da bleibt nicht viel Zeit und Raum für die Kinder. Doch auch deren Welt gerät aus den Fugen.

Risiko einer psychischen Erkrankung

Rund 150.000 Kinder in Deutschland werden pro Jahr nach Schätzungen des Berliner Robert-Koch-Instituts mit der Diagnose Krebs bei Vater oder Mutter konfrontiert mit Fragen wie: Stirbt die Mutter oder der Vater an der Krankheit? Bin ich Schuld? Ist Krebs ansteckend?

Wie gefährdet diese Jungen und Mädchen selbst sind, belegt eine wissenschaftliche Studie des Zentrums für psychosoziale Medizin am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, das auch Beratungsmöglichkeiten entwickelte. Ohne solche Angebote zeigte fast die Hälfte der beobachteten Kinder deutliche Verhaltensauffälligkeiten. Die WissenschaftlerInnen sehen außerdem ein doppelt so hohes Risiko wie bei Gleichaltrigen, später psychisch zu erkranken.

Die Ursachen sind vielfältig: Oft müssen die Kinder mit Andeutungen und Halbwahrheiten leben – ein idealer Nährboden für Zukunfts- und Verlustängste sowie Schuldgefühle und eigene Phantasien, die häufig bedrohlicher sind als die Wirklichkeit. Und sie müssen oftmals in eine dem Alter nicht angemessene Rolle schlüpfen und wie Erwachsene verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen, die sie überfordern.

Das Hamburger Team um Peter Riedesser will die Erkenntnisse aus dem von der Europäischen Union in mehreren Ländern mitfinanzierten Präventions-Projekt (Cosip) nun mit der Deutschen Krebsgesellschaft nutzen, um Daten für ein bundesweites Beratungsnetz zu erheben. Denn noch ist es so, dass viele Familien eher zufällig auf Hilfsangebote stoßen. Neben „Mund-zu-Mund-Propaganda“ während der Krebsbehandlung spielt das Internet eine wichtige Rolle. So erreichen den kleinen Verein „Hilfe für Kinder krebskranker Eltern“ in Frankfurt am Main Anfragen aus ganz Deutschland.

Seine Gründung geht darauf zurück, dass der zwölfjährige Sohn eines Krebsklinikchefs bereits auf den bloßen Krebsverdacht bei seiner Mutter auffällig und aggressiv reagierte. „Kinder haben feine Antennen, und man sollte sie nicht für dumm verkaufen“, betont Geschäftsführerin Lida Schneider, selbst lange Ärztin für Strahlentherapie und heute Psychoonkologin in einem Brustzentrum. Wichtig sei vor allem, den Kindern zu vermitteln: „Papa und Mama haben euch lieb, aber es ist schwer im Moment.“ Sie dürften sich nicht zurückgesetzt fühlen oder auf die Zeit nach der Erkrankung vertröstet werden, sondern brauchten auch in dieser Situation Zuwendung „wie die fünf Minuten Kuscheln vor dem Einschlafen“.

Hilfe für Kinder krebskranker Eltern

Eine Broschüre des Vereins enthält viele, auch altersspezifische Hinweise für die Eltern und ermutigt mit Beispielen zum offenen und ehrlichen Umgang mit der Krebserkrankung. So schildert eine junge Mutter den Besuch der fünfjährigen Tochter im Krankenhaus nach der Brustamputation: „Meine erste Frage war: ‚Willst du mal sehen?’ Sie nickte neugierig, und ich habe ihr die Narbe bzw. den Verband gezeigt. Damit war für mich der Bann gebrochen. Ich kann mich meiner Tochter seitdem unbefangener zeigen.“

Inzwischen gibt es in Deutschland auch erste Angebote, dass Kinder die Mutter bei der Reha-Kur nach der Therapie begleiten. Die von einer selbst an Brustkrebs erkrankten Mutter gegründete „Rexrodt von Firks Stiftung“ unterstützt einen entsprechenden Modellversuch an der Ostsee.

Offenheit ist wichtig

Aus Furcht vor falschem Mitleid oder anderen negativen Reaktionen scheuen Erwachsene mitunter, ihr Umfeld zu informieren. Den Kindern wird damit die Last aufgebürdet, ein Geheimnis zu hüten. Wie die Tochter einer allein erziehenden Mutter, deren Freundinnen nicht verstehen, warum die 13-Jährige „immer komischer“ wird. Auch die Lehrer sind ratlos wegen ihres ausweichenden Verhaltens. Als die Situation in der Klasse eskaliert und sie unter Tränen über den Brustkrebs der Mutter spricht, plagt sie anschließend das schlechte Gewissen. Das Mädchen wendet sich selbst an den Frankfurter Verein und bittet um Beratung. Dort rufen oft Großmütter, Freundinnen oder Kollegen der Krebskranken an, hat Schneider festgestellt. Konkrete Unterstützung beispielsweise durch Nachbarinnen hält sie auch mit Blick auf die Kinder für wichtig. Sie können die Betreuung etwa während der Zeit der Chemotherapie- oder Strahlenbehandlung übernehmen, mit den Kindern etwas unternehmen oder Ansprechpartnerinnen sein.

Die Düsseldorfer Psychotherapeutin Ulla Steger, die sich in ihrer Praxis auf krebskranke Erwachsene spezialisiert hat, findet es hilfreich, wenn Kinder wissen, dass sie „mit ihren Freunden über die Krankheit mit den damit verbundenen familiären Veränderungen und Sorgen reden dürfen und es kein Tabuthema für Außenstehende ist“. Gerade wenn die Eltern phasenweise wenig Kraft für die Kinder hätten, sollten andere um konkrete Hilfe gebeten werden. So könnten Jungen und Mädchen für Stunden ihrem Alter entsprechend Normalität erleben.

Hier können Kinder auftanken

Schaden könne es jedoch, wenn die Kinder zu sehr bestürmt werden mit Gesprächsangeboten und Informationen, sie aber lieber in Ruhe gelassen werden wollen. Bei der Begleitung ihrer Patientinnen hat Ulla Steger auch erfahren, wie liebevoll und kreativ Kinder sein können – etwa wenn schon Kleine ihre Kuscheltiere in die Klinik schleppen. Und sie erinnert sich an einen Jungen, der nach dem Tod der Mutter ein improvisiertes Kreuz auf die Brust legte und ein Bild malte, das in ihren Sarg gelegt wurde.

Ganz im Mittelpunkt stehen die „Schattenkinder“ bei Wochenendseminaren der Mildred-Scheel-Akademie der Krebshilfe in Köln, die Ulla Steger leitet. Sie weiß, wie entlastend der Austausch für die 13- bis 22-Jährigen ist. Und wie hilfreich es bei den aufwühlenden Themen ist, die eigenen, mitunter auch konfliktbeladenen Emotionen auf dem Umweg über Fotos und andere symbolische Darstellungen wie Bäume, eine Wüste oder ein Festmahl auszudrücken.

Kein Foto jedoch beschreibt die Sehnsucht der Schattenkinder besser als das eines Jungen, der völlig in sich gekehrt eine Muschel ans Ohr hält und lauscht: „In solchen Momenten kann das Kind auftanken. Das braucht es genauso nötig wie auch der erkrankte Elternteil und die Begleiterinnen und Begleiter.“

Christel Boßbach

Hinweise

Den kostenlosen Ratgeber „Mit Kindern über Krebs sprechen“ mit Adressen- und Literaturhinweisen sowie weiteren Informationen gibt es unter: www.hilfe-fuer-kinder-krebskranker.de

Die Deutsche Krebshilfe hält eine Broschüre für Angehörige bereit, in der auch auf die Situation von Kindern eingegangen wird: www.krebshilfe.de