Beten in der Familie

Einen „Aufschrei in Thesen" nennt der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger sein Plädoyer für eine konsequente Erziehung zum Glauben in Familien und Gemeinden.

"Er gibt mir ja doch keine Antwort"

Albert Biesinger hat es im vergangenen Jahr in den „Katechetischen Blättern" unter dem Motto seines Buches „Kinder nicht um Gott betrügen" (Herder) veröffentlicht. Der Text hat mich sehr nachdenklich gemacht. Meine eigenen Versuche als Vater gingen mir durch den Sinn. War meine Erziehung, war die meiner Frau in dieser Hinsicht entschieden genug, damals, als unsere Kinder klein waren? Zweifel kamen mir. In späteren Jahren haben wir gute Gespräche in der Familie gehabt; da bin ich mir sicher. Aber als die Kinder klein waren?

Dass auch andere Eltern ähnliche Erfahrungen machen, fand ich plastisch erzählt von Irene Mieth in ihrem Bändchen „Katechese in der Küche" (Herder). Ob sie denn schon beten könne, wurde ihre 4jährige Tochter oft gefragt. Das muss die Mutter so genervt haben, dass sie zielstrebig die kleine Corinna zum Beten hinführte. Sie erzählte ihr von Jesus und seiner Botschaft von Gott. Sie zeigte ihr, dass wir Gott von unserem Leben erzählen können, etwa abends beim Zu-Bett-gehen. Alles, was Frau Mieth erzählt, kam mir vertraut vor. Dann stutzte ich über folgender Passage, die ich wörtlich wiedergeben möchte:

„Nachdem wir auch das eine Zeitlang praktiziert hatten, glaubte ich, den letzten Schritt wagen zu können: Corinna in die Rolle des Betenden zu versetzen. Bisher hatten wir miteinander über die Ereignisse des Tages gesprochen, und ich hatte einen Dank oder eine Bitte an Gott formuliert. Jetzt regte ich an: Was willst du denn Gott von diesem Tag erzählen?'—Nichts!, war Corinnas Antwort.
Warum nicht?, dachte ich betroffen. Ich hatte mir alle Mühe gegeben, Corinna bis hierhin zu bringen. Ich war behutsam und langsam vorgegangen. Warum brachte sie jetzt nicht das gewünschte Resultat? Warum nicht? - fragte ich. Er gibt mir ja doch keine Antwort, sagte sie."

Ein Gegenüber im Gebet

Das klingt wie eine witzige Pointe, ist aber von Frau Mieth ganz und gar nicht so gemeint. Lesen Sie selbst, wie sie als Erwachsene mit dieser Antwort des Kindes umgeht:

Ohne sich von meinen pädagogischen Bemühungen ablenken zu lassen — oder war sie dadurch geradezu darauf gestoßen worden? —, hatte sie das zentrale Problem erfasst:

Gott schweigt. Unsere Sorgen und Ängste, unsere Wünsche und Fragen können wir ihm wohl vortragen, eine Antwort erhalten wir nicht. Ein Theologe hat die Situation des Betenden einmal mit der des Patienten beim Psychoanalytiker verglichen. Der Patient spricht sich aus, der Analytiker verharrt schweigend im Hintergrund. Er unterbricht nicht und nimmt auch nicht Stellung, trotzdem ist er notwendig; denn ohne seine Gegenwart hätte der Patient keinen Anlass und keine Gelegenheit, sich zu äußern und dabei Klarheit über sich selbst zu gewinnen. Selbsterkenntnis und Selbstannahme sind das Ziel einer solchen Analyse — ebenso wie das der Anrufung eines schweigenden Gottes im Gebet.

Mir hat das sehr eingeleuchtet. Liegt die Selbsterkenntnis — die Erkenntnis, dass ich ohnmächtig und hilfsbedürftig bin — nicht schon im Gebet an sich, in der Hinwendung zu Gott? Und ist Selbstannahme als Ergebnis des Gebets nicht das, was man früher als inneren Frieden, als Tröstung aus dem Gebet bezeichnet hat? Aber das konnte ich Corinna nicht erklären. Sie brauchte für das Gebet ein Gegenüber, ein Du, das sie ansprechen und das antworten konnte.

Kinder an den eigenen Versuchen des Betens teilhaben lassen

Und so erzählte ich ihr, dass Gott uns hört und Antwort gibt, aber nicht in Worten wie ein Mensch; dass es schwer ist, diese Antwort auszumachen, weil sie uns auf so verschiedene Weise zukommen kann; in dem, was wir fühlen, in Menschen, die uns begegnen, in Wahrnehmungen und in Ereignissen; dass wir deshalb wach und aufmerksam sein müssen, wenn wir Gott hören wollen.

Corinna nahm das ohne Einwände, aber auch ohne Fragen auf, und ich wollte ihr Zeit lassen, es zu verarbeiten.

Mich haben diese Zeilen getröstet. Denn wenn schon einer Religionslehrerin die Versuche religiöser Erziehung, speziell der Hinführung zum Beten, nicht bruchlos gelingen, darf auch ich darauf vertrauen, dass meine eigenen Bemühungen bei aller Laienhaftigkeit doch etwas ausgelöst haben.

Daraus folgt für mich aber nicht, auf Versuche des Betens mit Kindern in der Familie zu verzichten. Ganz im Gegenteil! Ich bin davon überzeugt, dass Albert Biesinger etwas zum Ausdruck bringt, was auch sonst im Leben gilt. Was mir nämlich wichtig ist, davon erzähle ich, darum bemühe ich mich! Deshalb hat er recht, Eltern Mut zu machen, ihre Kinder am eigenen Glauben teilhaben zu lassen. Vielleicht sollte ich eher sagen: an den eigenen tastenden Versuchen teilhaben zu lassen, Gott im eigenen Leben ernst zu nehmen.

Das muss freilich jede Mutter und jeder Vater für sich neu erproben. Dennoch gibt es einige Erfahrungen, die es wohl erleichtern können, unfruchtbare Umwege oder auch Irrwege zu vermeiden. In einer Kursmappe zur Elternarbeit fand ich die folgenden Hinweise. Ich meine, sie geben Anregungen, ohne zu bevormunden.

Leitlinien für das Kindergebet

„Was für den Erwachsenen an Grundaussagen über das Gebet und die verschiedenen Formen gilt, ist auch für das Kind wichtig und soll entsprechend eingeübt werden. Das heißt konkret:

Alles, was das Kind bewegt und beschäftigt, darf es Gott mitteilen. Auch das Kind soll sein alltägliches Leben vor Gott zur Sprache bringen dürfen.

  • Das Gebet des Kleinkindes richtet sich im Allgemeinen an Gott (wie übrigens auch das liturgische Gebet der Kirche). Jesus, Maria und die Heiligen beten mit uns.
  • Das Gebet muss wahr sein, auch vor dem Denken des Erwachsenen. Kindergebete müssen zwar der Sprache des Kindes entsprechen, dürfen aber keine unwahren Aussagen enthalten wie z. B.: ,Mein Herz ist rein, darf niemand hinein als du mein Jesus allein ...`.
  • Das Gebet darf kein Ersatz sein für Gespräche mit dem Kind. Gespräche der Eltern mit dem Kind sind so wichtig, dass Beten nicht als Ersatz dafür missbraucht werden darf. Aus einem Gespräch kann aber ein Gebet mit abschließenden Gedanken folgen.
  • Das Kind soll mit seinen Eltern Hören und Sprechen lernen. Hören mit dem Kind heißt: Staunen lernen über all das Schöne und Gute, das ihm Tag für Tag begegnet. Gott spricht zum Kind auch über die Natur. Über das Staunen gelangt das Kind zum Danken. Hören erfährt es auch über biblische Geschichten: auch darauf kann das Kind antworten lernen.
  • Fürbitt-Gebet ist Denken für und mit anderen Menschen. Beten für andere Menschen macht das Kind hellhörig für die Sorgen und Nöte der Mitmenschen; Fürbitt-Gebet muss Einsicht vermitteln und Mut geben zum eigenen Tun, zur Liebe, zum Nächsten.
  • Beten als Erfahrung der Stille. Schon kleine Kinder können still werden, das Zu-sich-kommen vor Gott erfahren, wenn wir dies gemeinsam einüben; es wird dabei wichtige Erfahrungen für sein späteres Leben machen."

Ich glaube nun nicht, dass es hilfreich wäre, diese Leitlinien auswendig zu lernen oder an das Merkbrett in der Küche zu heften. Andererseits wäre es nicht schlecht, sie zu be-herz-igen. Wie wäre es, auf jeden dieser Grundgedanken eine Woche lang beim Abendgebet im Kinderzimmer besonders zu achten? Etwa den Gedanken der Stille wirken zu lassen. Stille kann man ja nicht auswendig lernen, sondern nur ausprobieren.

Kindergebetbücher

Viele greifen beim Beten auch gern auf vorformulierte Texte zurück. Hierfür gibt es eine Vielzahl ansprechender Bücher. Sie unterscheiden sich allerdings entsprechend den Anliegen der Verfasser.

Sie sollten daher die Bücher selbst zur Hand nehmen, darin blättern, hier und dort einen Text anlesen, auf die Bilder achten, um herauszufinden, was ihnen zusagt.

Vielleicht nehmen Sie Ihr Kind mit, lassen es mitentscheiden. In vielen katholisch-öffentlichen Büchereien ist man darauf vorbereitet. Natürlich auch in denjenigen Buchhandlungen, die (leider nicht ganz so zahlreich) ebenfalls religiöse Titel führen.

Eine Orientierungshilfe kann folgende Liste von Verfassern sein, die ich — zusammengestellt von Christoph Schmitt — im Bändchen von Albert Biesinger „Kinder nicht um Gott betrügen" (Herder 1994) entdeckt habe:

Christa und Reinhard Abeln, Maria-Regina Bottermann, Anneliese Dietl, Hermann-Josef Frisch, Elmar Gruber, Hermine König, Marielene Leist, Ann E. Marks, Wolfgang Oberräder, Werner Schaube. Georg Schikart Jörg Zink. Elisabeth Zöller.

Michael Rustemeyer