Blickwechsel - Christsein in einer immer weniger christlichen Gesellschaft

Christ-Sein ist heute nicht mehr selbstverständlich. Christlicher Glaube scheint nicht einmal mehr mehrheitsfähig zu sein.

Neue Gattung: "homo a-religiosus"?

Gesellschaftliche Entwicklungen haben zu veränderten religiösen Einstellungen und Verhaltensweisen geführt. In welcher religiösen Tradition jemand leben möchte, von welcher Botschaft er sich ansprechen lässt, bleibt immer mehr der Entscheidung der Einzelnen überlassen.

Die christliche Botschaft ist hier nur eine unter vielen. Der Erfurter Religionssoziologe Eberhard Tiefensee geht noch weiter und macht vor allem im Osten Deutschlands eine neue Gattung aus: Den „Homo areligiosus“, den Menschen ohne Religion, für den Gott schlicht kein Thema ist.

Aber selbst wer soweit nicht gehen will und daran festhält, dass der Mensch natürlicherweise religiös ist, kommt nicht umhin festzustellen: Die Zustimmung zu christlichen Werten kann im öffentlichen Leben nicht mehr einfach vorausgesetzt werden. Die Auseinandersetzung um die Verankerung des Gottesbezugs in der Verfassung des vereinten Europas hat dies ebenso gezeigt wie die Bereitschaft mancher Politikerinnen und Politiker, den Streit um das Kopftuch zum willkommenen Anlass zu nehmen, gleich alle religiösen Symbole aus dem öffentlichen Leben zu verbannen.

Wir werden den Mitmenschen oft zu Fremden

Nach einer im vergangenen Jahr im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz durchgeführten Studie des Instituts Sinus-Sociovision ist die Kirche nur noch in drei von insgesamt zehn unterscheidbaren Milieus verankert: im Milieu der „Konservativen“, der „Traditionsverwurzelten“ und der „Bürgerlichen Mitte“. Allen anderen bleibt sie fremd.

Solche Entwicklungen lassen unser Leben als ChristInnen nicht unberührt. Mit einem Gefühl wachsender Fremdheit und Randständigkeit beobachten wir den Verlust angestammter christlicher Lebensräume und Vermittlungsorte des Glaubens – und haben den Eindruck, unsere christlichen Werte in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr recht verwirklichen zu können. Wir werden mit dieser Botschaft, so hat es der Kölner Kardinal Meisner formuliert, den Mitmenschen oft zu Fremden – wie auch Christus den Mitmenschen fremd war.

Gefragt ist eine neue Spiritualität

In der Tat: Christen werden nach Zahlen spürbar weniger, finanzielle und personelle Ressourcen schwinden, Strukturen verändern sich oder lösen sich auf. „Fremdes achten“ heißt vor diesem Hintergrund auch, die Erfahrung eigener Fremdheit als besonderen Ort der Gotteserfahrung und erlebter Glaubensfülle zu erkennen und wertzuschätzen. Wer selbst an den Rand abgedrängt wird, ist womöglich auch sensibler im Hinblick auf die Situation und die Bedürfnisse jener Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – am Rand unserer Gesellschaft stehen.

Was aber zu beobachten ist, ist folgendes: Die Kirche ist dabei, sich angesichts der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf sich selbst zurückzuziehen, und versucht, das Bestehende so weit wie möglich zu sichern. Darüber scheint bisweilen die Herausforderung aus dem Blick zu geraten, den öffentlichen Raum, das öffentliche

Leben, die Gesellschaft vom christlichen Glauben her wirksam mitzugestalten und den Werten des Evangeliums größeren Einfluss zu verschaffen.

Christlicher Glaube ist von seinem Wesen her auf Mitteilung, auf Dialog angelegt. Deshalb darf es nicht geschehen, dass sich die Kirche in eine Sonderwelt zurückzieht und Gemeinden oder Gemeinschaften nur auf die Gestaltung ihres eigenen Lebens bedacht sind. Genauso wenig ist ein lediglich schiedlich-friedliches Nebeneinander von Menschen anzustreben, die einesteils christlich und anderenteils nicht-religiös sind: Gefragt ist eine Spiritualität, die zur nüchternen Wahrnehmung der Situation anleitet und die die Lebendigkeit des Glaubens nicht an Mitgliedszahlen misst. Eine Spiritualität, die dazu befähigt, in der heutigen Zeit immer wieder neu nach Gott zu fragen und sich von anderen nach Gott fragen zu lassen, statt sich dem Heimweh nach Vergangenem hinzugeben.

Wir brauchen eine schöpferische Auseinandersetzung mit der eigenen Kirche

Die biblische Emmaus-Geschichte (Lk 24, 13-35) bringt es auf den Punkt: Die Jünger, die sich mit ihren Zweifeln und Ängsten, ihrer Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit auf den Weg machen, erfahren in der Begegnung mit Jesus, wie befreiend es sein kann, nicht länger um sich selbst zu kreisen und die Blickrichtung zu ändern: Nicht aus der Trauer über zerronnene Träume und zerschlagene Hoffnung erwächst eine Leben spendende Kraft, sondern aus dem Aufbruch, der durch den im Brotbrechen vollzogenen Blickwechsel erst möglich wird. „Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn“ (Lk 24, 31).

Wir müssten ebenfalls einen Blickwechsel vollziehen: Wer fortwährend um das eigene Ungenügen kreist und den Mangel an Glauben, an Engagement, an Priestern, an Finanzmitteln beklagt, wird es schwer finden, die vielgestaltigen Erfahrungen von Heilung und Befreiung, von Versöhnung, Selbstwerdung und Ermächtigung als Spuren der göttlichen Gegenwart in unserer Gesellschaft zu erkennen und zu bezeugen. Das bedeutet freilich auch eine schöpferische Auseinandersetzung mit der eigenen Kirche; es erfordert die Überprüfung herkömmlicher Sprachweisen und Bewertungsmuster.

Fremdes achten

Wir bedürfen einer missionarischen Spiritualität, die dazu ermutigt, Räume der Begegnung mit Menschen zu schaffen, denen die Religionen gleichgültig sind. Die Chance solcher Begegnungen besteht darin, dass wir uns für das Eigene, das Besondere der Anderen interessieren, für ihre Erfahrungen und Überzeugungen: Eben für das, was ihrem Leben Sinn verleiht und sie Krisen bestehen lässt. Das Interesse an Anderen besteht um ihrer selbst willen – nicht um Menschen anderer Überzeugungen zu vereinnahmen. Echtes Interesse ist wechselseitig: Es ermöglicht Begegnungen, in denen auch wir unsere eigenen Überzeugungen nennen können.

Es ist durchaus kein Widerspruch, einerseits anzuerkennen, dass Menschen ihr Glück auch ohne Gott finden können, und gleichzeitig jede Begegnung offen und hörbereit als mögliche Gottesbegegnung zu sehen. „Fremdes achten“ meint deshalb mehr als eine achtsame Toleranz: Es muss das Verlangen einschließen, zum anderen Menschen, zum Fremden, in Beziehung zu treten und sich von ihm anrühren und verändern zu lassen.

Das gilt für die Begegnung mit Menschen nicht-christlichen Glaubens, aber auch für die Begegnung mit Nicht-Religiösen: In beiden können ChristInnen die unaufdringliche Gegenwart Gottes über die sichtbaren Grenzen der Kirche hinaus erfahren und ein tieferes Verständnis ihrer eigenen Berufung gewinnen.
„Fremdes achten“: Das bedeutet nicht Bekehrung der Anderen, sondern ein gegenseitiges Befragen und Infragestellen mit dem Ziel, sich der Entscheidung für das eigene Lebensmodell, für den gewählten und erworbenen Glauben bewusst zu werden. Und diese Entscheidung „bescheiden und ehrfürchtig“ da zur Sprache zu bringen, wo wir nach der Hoffnung gefragt werden, die uns erfüllt, wie es im ersten Petrusbrief heißt:

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen“ (1 Petr 3, 15f).

Katja Heidemanns