Die Frage nach dem Warum .. .

Ans Bett gefesselt hadert Patricia Fink mit ihrem Schicksal und fragt nach dem „WARUM“.

Ich liege in einem Krankenhausbett und starre an die weiße Wand. Es ist sehr heiß im Zimmer — ein Fenster zu öffnen ist auf Grund des Baulärms draußen nicht möglich. Ich schaue mir den Tropf an, der mir das Aufstehen verbietet, und frage mich zum x-ten Mal, warum ausgerechnet mir das passieren musste. Aus meiner gesamten Arbeitsorganisation herausgerissen, finde ich mich nun in diesem Bett wieder, mit der Order, mich möglichst wenig zu bewegen. Ich habe einen vorzeitigen Blasensprung, bin aber erst in der 27. Schwangerschaftswoche. Eben war der Oberarzt der Kinder-Intensiv-Station da, um mich über die Abläufe dort drüben zu unterrichten und mich auf mein »Frühchen«, das ich nun erwarte, einzustimmen.

Was will ER mir damit sagen?

Mein kleines Mädchen möchte eher auf die Welt, als es ihr normalerweise gut tut. Aber warum? Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Falsch gehoben? Zu viel Stress? Was könnte mich aufgeregt haben? Gibt es familiäre Vorbelastungen? Ich grüble und grüble und komme zu keinem Ergebnis. Was soll es für einen Sinn ergeben, dass ich hier liege und versuche, meiner Tochter noch möglichst lange ein warmes mütterliches Zuhause zu geben. Ich will es gerne tun, obwohl mich der Krankenhaus-Aufenthalt langsam zermürbt. Was hätte anders laufen müssen? Aber es ging mir doch gut, ich hatte keine Beschwerden und war rundum zufrieden. Wieso ist meine Tochter nur so neugierig, dass sie so früh auf die Welt will?

Was bedeutet das für uns als keine Familie? Wie werden wir mit einer solchen Herausforderung fertig werden? Ich kann es nicht verstehen. Warum? Warum das Ganze?

Und ER da oben? Was will ER mir damit sagen? Welchen Sinn soll es machen, mich so in Schwierigkeiten zu bringen? Was heißt hier: mich? Vor allem meine Tochter muss sich ins Leben kämpfen. Sie muss beweisen, ob ihr starkes Interesse am Leben sie am Leben halten wird. Wenn das stimmt, was der Oberarzt eben erzählte, wird es schwer für sie. Es kann viele Komplikationen geben.

Ich hätte mir für sie und für mich etwas ganz anderes gewünscht. Eine Geburt, die uns beide miteinander verbindet. So steht noch nicht fest, ob ich überhaupt etwas mitbekomme, denn bei einer Komplikation wird der Kaiserschnitt in Vollnarkose gemacht. Warum? Wofür soll das gut sein? Was soll ich daraus lernen?

Ich bekomme keine Antworten

Vielleicht ist das jetzt eine Probe für meine Geduld. Vielleicht soll ich ... ich weiß es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott sich dies bewusst für mich ausgesucht hat. Ich bezeichne mich als gläubigen Menschen. Für mich zählt der Gott, der alle Wege mitgeht. Wahrscheinlich soll sich dieser Glaube jetzt behaupten. Vielleicht soll ich das nächste Stadium erreichen und keine Glaubens-Theoretikerin mehr sein, sondern eine Praktikerin. Aber das ist doch auch blöd. Solche Prüfungen sind doch nur was für ausgesuchte Menschen (Abraham, Hiob ...), dafür bin ich nicht besonders genug. Und überhaupt, was soll das für ein Gott für mich sein, der mich so an meine Grenzen bringt? Auch an die Glaubens-Grenze, denn ich kann nicht verstehen, wozu das für mich gut sein soll, warum es bei mir nicht eine »normale Geburt« sein kann.

Gott, der alle Wege mitgeht ... wie habe ich diesen Satz, dieses Bekenntnis in der Seelsorge verwandt, mit Pathos gepredigt. Aber nun, mir selber gesagt, erlebe ich Gott nicht an der Seite bzw. sehe ich IHN zurzeit nicht. Es kommt mir nicht so vor, dass ER mit mir geht, nun, eher erlebe ich IHN weit entfernt. So weit entfernt, dass IHN meine WARUM - Frage nicht erreicht. Ich bekomme keine Antwort.

Was heißt hier Schicksal?

Sicher könnte ich besser hier liegen, wenn ich wüsste, was der Grund ist. Ich könnte mir analytisch jeden Morgen, bei jeder unangenehmen Untersuchung sagen: Das musst du ertragen, weil ... So sage ich es mir auch, aber es ist alles sehr bruchstückhaft, was ich mir da zusammenerkläre. Meine Tochter zählt, für sie möchte ich alles tun, dass sie möglichst gute Startbedingungen ins Leben hat. Sie soll noch etwas wachsen, an Gewicht zulegen, damit sie besser gewappnet ist für das, was da kommt. O.K., das soll so sein — aber warum?

Mein Schicksal ist mit dem der Kleinen verknüpft. Was heißt hier Schicksal? Gewiss ist es nicht angenehm, was ich hier mitmache, aber im Vergleich zu anderen ist es nichts. Mir reicht es zwar schon — es wird zu überstehen sein. Meine Tochter muss mehr kämpfen.

Mein Leben ist bislang verhältnismäßig glatt gegangen. Es gab natürlich Situationen, die schwer waren oder in denen ich in meinem Lebensbuch bis heute nicht gerne blättere. Aber dies hier bringt mich an meine Grenze: körperlich, rational, emotional, glaubensmäßig .. .

Was soll das für ein Gott sein, der Menschen prüft? Ich denke, ER hat uns alle bewusst und mit sehr viel Liebe ins Da-Sein gerufen. Das kann ER sich doch nicht für uns wünschen? Für mich? Was soll ich erfahren, lernen?

Wenn ich doch nur nicht so viel nachdenken würde ... das macht mir es doch nur schwerer. Aber nur fühlen... ? Wut kommt hoch, eine Stinkwut sogar! Meine Planungen wurden total über den Haufen geworfen. Ich fühle mich ausgeliefert, habe keine Macht über die Abläufe, ja, ich fühle mich ohn-mächtig. Warum? Warum? .. .

Auf meine Frage nach dem »Warum« habe ich bis heute keine Antwort

Bald wird meine Tochter zwei Jahre alt und ich kann mich immer noch gut an diese Zeit im Krankenhaus erinnern. Es war damals gut, dass wir nicht wussten, was uns mit unserem »Frühchen« alles erwartet. Sie kam 10 Wochen vor ihrem errechneten Geburtstermin zur Welt, man merkt es ihr heute kaum noch an, denn sie hat fast alles aufgeholt.

Auf meine Frage nach dem »Warum« habe ich bis heute keine Antwort. Im Nachhinein habe ich IHN dann manchmal gefühlt, an der Seite. ER begegnete mir in den Menschen, die sich mitsorgten, über kleine Erfolge freuten und da waren, wenn ich jemanden zum Reden brauchte. Aber ER hat mir über sie keine Antwort vermittelt bzw. sehe ich diese bis heute nicht. Oder anders ausgedrückt, ich weiß nicht, ob meine Antworten auf meine WARUM-Frage auch SEINE sind.

Ich habe jedenfalls ansatzweise gelernt: Ich habe Grenzen, ich kann vieles nicht machen, ich bin nicht für alles verantwortlich und ich bin stärker, als ich es je vermutet hätte.

War das DEIN Ziel für mich, Gott?

Patricia Fink